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11.2014




Frankfurt/M : Lucy Raven


von: Verena Kuni

  
Lucy Raven · Curtains, 2014, Raumansicht Portikus Frankfurt/M. Foto: Helena Schlichting


Grosses Kino im Portikus. Am Eingang gibt es 3D-Brillen, Platzanweiser leuchten mit der Taschenlampe den Weg von der Empore hinab in den Saal. Die Vorführung hat bereits begonnen. Vorn auf der Leinwand leuchtet die Projektion. Sofort ist man mitten im Sound, in den Bildern. Zwei Bildern, um genau zu sein, die sich von links und rechts aufeinander zu bewegen, langsam übereinander schieben, schliesslich für einen kurzen Moment gänzlich überlagern, um dann wieder auseinander zu gehen.
Es ist ein- und dieselbe Aufnahme, einmal rot, einmal blau eingefärbt: so, wie man es auch sonst vom 3D-Kino kennt. Doch ob man die Brille aufsetzt oder nicht, ist unwesentlich. Denn in ihrer Installation ‹Curtains› geht es der US-amerikanischen Künstlerin Lucy Raven
(*1977) nicht um die perfekte Illusion, sondern um den Blick hinter die Kulissen des Kinos im digitalen Zeitalter. Die Bilder selbst sind der Vorhang, der sich öffnet und wieder schliesst - und nur wenn er geschlossen ist, sieht man jenes räumliche Bild, für das er sich sonst öffnen würde.
Raven greift auf ein optisches Verfahren zurück, das Mitte des 19. Jh. auf der Basis stereoskopischer Fotografie entwickelt wurde. In der Projektion werden zwei komplementär eingefärbte, ansonsten aber identische Aufnahmen überlagert. Betrachtet man diese mit einer speziellen Brille, bei der entsprechend farbige Folien für das rechte und das linke Auge jeweils eine der beiden Farben herausfiltern, errechnet das Gehirn aus den disparaten Informationen ein dreidimensionales Bild. Kopf-Kino im eigentlichen Wortsinn, wenn man so will.
Tatsächlich hat das sogenannte (farb-)anaglyphe 3D-Verfahren den Aufbruch ins digitale Zeitalter überlebt: Geringfügig variiert wird es beispielsweise auch für bewegte Bilder - etwa Animationsfilme, Clips und Games - verwendet, die man sich inzwischen vorzugsweise auf dem heimischen Computer anschaut. 3D-Brillen im Kinosaal hingegen werden bis heute eher mit B-Movies, populären Panoptiken und billigem Jahrmarktsvergnügen assoziiert.Indessen spielen gerade in teuren Hollywood-Produktionen die per Computer errechneten Bilder längst die Hauptrolle. Die 3D-Effekte werden in der Postproduktion mit speziellen Programmen Bild für Bild digital generiert - ein mühsames Unterfangen, für das die Kinoindustrie vorzugsweise Arbeitskräfte in Asien rekrutiert, Produktionsschritte in Länder auslagert, in denen geringere Löhne gezahlt werden müssen.
Raven hat diese Orte aufgesucht und fotografiert. Es sind die Fotos der Produktionsstätten, Grossraumbüros mit Rechnern, vor denen Menschen sitzen, die mit der Bearbeitung jener Bilder beschäftigt sind, die sich später auf der Leinwand zum grossen Kino zusammenfügen sollen. Die Simulation flüssiger Bewegung in Zeit und Raum verlangt von jenen, die sie erzeugen helfen, stundenlanges Starren auf Screens in nahezu regloser Konzentration. Dass die Szenen - untermalt vom Gemurmel unterdrückter Unterhaltungen, Fetzen von Musik aus den Kopfhörern, dem sonoren Summen der Lüfter  - als Standbilder an uns vorüberziehen, ist nur konsequent. Auch, dass sie nicht wirklich zusammenkommen wollen: Denn wenn wir am Ende ein stimmiges Gesamtbild sehen, dann sollten wir wissen: Dieses Bild ist in der Tat eine Illusion - nur: Mit grossem Kino hat das Ganze eigentlich nichts mehr zu tun.

Bis: 23.11.2014



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen Lucy Raven [27.09.14-23.11.14]
Institutionen Portikus [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Lucy Raven
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