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11.2014




Meggen : wie real ist landschaft?


von: Marie-Louise Nigg

  
Michelle Kohler/Timo Müller · O. T., 2014, ­Spiegel auf Holzkonstruktion


Dass die Landschaft eine Erfindung ist, gilt in einer globalisierten und mediatisierten Welt mehr denn je. Wer trotzdem nach der Realität von Landschaft fragt, verschliesst entweder sehnsüchtig die Augen oder blickt kritisch hinter deren Kulissen. Letzteres nimmt sich die Gruppenausstellung ‹wie real ist landschaft?› (sic) im Benzeholz, dem Raum für zeitgenössische Kunst in Meggen, vor. Und zwar indem sie die Besucher, so könnte man in Anlehnung an Lewis Carrolls Kinderbuch sagen, im wahrsten Sinn hinter die Spiegel der Kunst führt. Das Wechselspiel von fiktiver und realer Landschaft begleitet einen bereits auf dem Weg zum Benzeholz. Nicht nur lenkt die wunderbare Kulisse des Vierwaldstättersees beinahe vom eigentlichen Ziel des Besuchs ab. Der Ausstellungsraum selbst scheint im ersten Moment von der Landschaft verschluckt worden zu sein: Die beiden Kunstschaffenden Michelle Kohler (*1981) und Timo Müller (*1980) haben nämlich die Eingangsfront der ehemaligen Wasch- und Brennhütte für die aktuelle und kommende Ausstellung mit Spiegeln verkleidet. Die Kunst ist hier aber mehr als eine blosse Reflexion der Umgebung und letztere mehr als ein schönes Bildmotiv. Mit dem Durchschreiten der Spiegelfront wird auch die Wahrnehmung für das Wechselspiel von Bild-, Landschafts- und Ausstellungsraum geschärft. Im Erdgeschoss spielt Sandra Senn (*1973) in ihren auf Pigmentpapier gedruckten Fotografien irritierend mit der Kulissenhaftigkeit der Landschaft bzw. ihren menschlichen Eingriffen: Senn fügt am Computer modellartige Holz- und Zeltarchitekturen vor Bergpanoramen zusammen, die trotz ihrer Perfektion bzw. gerade wegen ihrer Konstruiertheit das Bild der Landschaft leicht ins Wanken bringen. Die möglichen Bezüge zur Materialität und Umgebung des Ausstellungsraums machen die Werke an diesem Ort noch doppelbödiger. Raphael Egli (*1975) setzt sich mit ganz anderen Mitteln mit der (Er-)Findung von Landschaft auseinander: Seine grosszügige, eher skizzenhafte Malerei transformiert den Blick auf die Umgebung in eine flüchtig anmutende Landschaftserinnerung, die schlüssig im fensterlosen Obergeschoss präsentiert wird. Egli «notiert» auf die grosszügig gemalten, leicht strukturierten Untergründe kürzelähnliche Naturelemente oder Möblierungen, die sich mit Unterstützung der Titel als spezifische Kulturlandschaften lesen lassen. Ganz oben im Dachgeschoss hat Michelle Kohler - angelehnt an Panoramatafeln - ihre Arbeiten wie auf einem fiktiven Aussichtspunkt installiert. Die in Island entstandenen Fotografien zeigen Häuser und Hütten, die in ihrer einfachen Bauweise und in der Kargheit der Landschaft besonders fragil, ja beinahe unwirklich wirken - ein Effekt, der den Bogen zurück zu den hyperrealen, dort aber manipulierten Fotografien im Erdgeschoss spannt. Wieder draussen vor dem Spiegel angelangt, könnte man die Frage «wie real ist landschaft?» vielleicht so beantworten: Sie ist so lebendig, wie die Bilder, die wir uns von ihr machen.
Die Installation im Aussenraum von Michelle Kohler und Timo Müller bleibt bis Ende November bestehen. Doch hinter dem Spiegel hat die Ausstellung gewechselt. Nun folgt: ‹stockwerk. Christian Herter und Diana Seeholzer›.

Bis: 23.11.2014


Michelle Kohler/Timo Müller, bis 30.11.; ‹stockwerk. Christian Herter und Diana Seeholzer›, bis 23.11.



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen Christian Herter, Diana Seeholzer [25.10.14-23.11.14]
Institutionen Benzeholz Raum für zeitgen. Kunst [Meggen/Schweiz]
Autor/in Marie-Louise Nigg
Künstler/in Christian Herter
Künstler/in Diana Seeholzer
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