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Fokus
12.2014


 Während der Art Basel werden alljährlich die Swiss Art Awards gezeigt. Nadia Schneider Willen ist Präsidentin der für die Aus- wahl zuständigen Kunstkommission. Im Interview schildert sie, wie der 125 Jahre alte Preis bis heute diskutiert und umgestaltet wird - keine sakrosankte Geschichte also, sondern ein lebendiges Tool zugunsten von Schweizer Künstler/innen.


Die Swiss Art Awards - Eine unvollendete Geschichte


von: Brita Polzer

  
Swiss Art Awards/BAK, 2014, Aufbau. Foto: Marlen Müller


Polzer: In den letzten Jahren wurde das für den Eidgenössischen Preis zuständige Bundesamt für Kultur/BAK heftig aus seinem durchaus sympathischen Dornrös- chenschlaf gerüttelt. Der Preis erfuhr diverse Veränderungen und wurde medientauglicher gemacht. Du bist seit 2007 Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission/EKK, seit 2012 deren Präsidentin. Welche Veränderungen gingen mit der Einführung des neuen Kulturförderungsgesetzes 2012 einher?

Schneider: Die Einführung brachte eine Neuverteilung der Aufgaben. Der Pro Helvetia/PH wurde u.a. die Nachwuchsförderung zugesprochen, dem Bundesamt für Kultur/BAK vor allem die Verleihung von Preisen und Auszeichnungen. Das ‹Eidgenössische Kunststipendium› war zwar schon 1994 zum ‹Eidgenössischen Preis für freie Kunst› umbenannt worden, da die Alterslimite jedoch bei vierzig lag, behielt der Preis bis vor Kurzem den Charakter einer Anschubförderung. Als 2012 die Altersbegrenzung aufgehoben wurde, hat sich der Preis stark verändert. Jetzt steht die Teilnahme auch älteren und etablierteren Kunstschaffenden offen. Überraschenderweise werden wir nun aber keineswegs von Dossiers von über Vierzigjährigen überschwemmt. Kunstschaffende der heutigen mittleren und älteren Generation haben ihre Erfahrungen mit dem «Bundesstip» (wie der Preis noch lange genannt wurde!) schon hinter sich. Und für viele mag es auch nicht attraktiv sein, ein zweistufiges Wettbewerbs-Prozedere durchlaufen zu müssen. Es wird wohl einige Jahre dauern, bis die Künstler/innen mit der jetzigen Preisstruktur neu umgehen.

Polzer: Was tut ihr, damit sich ältere und schon etwas etabliertere Künstler/innen wieder für den Preis interessieren?

Schneider: Vor allem haben wir uns überlegt, wie man die Ausstellung an sich attraktiver gestalten und zugleich den einzelnen Positionen mehr Sichtbarkeit verschaffen könnte. In früheren Jahren wurden auf der Plattform der SAA verschiedene Preise verteilt, die unterschiedlich ausgerichtet und motiviert waren. Da bestand Klärungsbedarf. Der Kiefer Hablitzel Preis, der seit 1975 gleichzeitig mit den SAA stattfindet, ist ein Wettbewerb für Künstler/innen unter dreissig. Das ist aus heutiger Perspektive eine ideale Ergänzung. Wenn ein Kunstschaffender strategisch denkt, dann bewirbt er sich bis dreissig zunächst bei Kiefer Hablitzel und erst danach bei den SAA. So könnte er oder sie graduell einsteigen, wäre auf die Art schon in der Ausstellung präsent und könnte erste Erfahrungen mit der Situation sammeln. Zudem gibt es beim Kiefer Hablitzel Wettbewerb weniger Bewerbungen - man hat also weitaus höhere Chancen, einen Preis zu erhalten.

Polzer: Ist der Kiefer Halblitzel Preis der einzige, der noch zugelassen ist?

Schneider: Nein, auch der Preis der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung wird im Rahmen der SAA verliehen. Es ist nicht so, dass wir generell keine anderen Preise mehr dulden, aber der Fokus soll ganz klar auf den Schweizer Kunstpreisen liegen. Die Plattform der Swiss Art Awards darf nicht dafür missbraucht werden, jeder beliebigen Firma für einen bescheidenen Preis einen grandiosen Auftritt während der Art-Woche zu ermöglichen. Wenn sich eine Firma heute interessiert, einen Preis im Rahmen der SAA zu vergeben, dann muss das Engagement stimmen, das heisst, es muss langfristig sein, der Preis muss eine bestimmte Höhe haben und die Firma muss sich an den administrativen Kosten beteiligen.

Polzer: Auch die Pro Helvetia war mit den Cahiers d‘artistes einige Male präsent während der SAA. 2015 - so habe ich gehört - werden sie nicht mehr dabei sein. Warum nicht?

Schneider: Meines Wissens ist dies noch nicht letztendlich entschieden. Aber wie bereits gesagt: Die Ausstellung soll klarer gestaltet werden. Die Cahiers sind eine wichtige Massnahme in der Kulturfördung des Bundes, aber diese Publikationen in Form einer Ausstellung in der Ausstellung zu präsentieren, wie das früher der Fall war, scheint uns nicht ideal. Viel eher könnte man die Cahiers d'artistes-Künstler/innen beispielweise in Gesprächsrunden integrieren. Die Zusammenarbeit mit der Pro Helvetia kann ja auf vielerlei Art geschehen. In diesem Jahr hat sie erstmalig eine Gruppe von Kurator/innen aus Brasilien zu einer Recherchereise in die Schweiz eingeladen und durch die SAA geführt. Das war sehr spannend und solche Arten der Zusammenarbeit sollen in Zukunft vertieft werden. Pro Helvetia und BAK sollten Unterschiedliches tun und zugleich untereinander Synergien entwickeln, das wäre ideal. Es sollte nicht so sein, dass man um Quadratmeter ringt, sondern dass man sich auf einer ganz anderen Ebene begegnet.


Polzer: Eine weitere grosse Veränderung ist, dass nicht mehr durchschnittlich zwanzig Preise vergeben werden, sondern nur noch zehn. Für die Künstler/innen sind es konkret nur noch acht, da ein Preis an Architektur, einer an Vermittlung vergeben wird. Welche Erfahrung macht ihr mit dieser Reduktion?

Schneider: Sie wurde erst dieses Jahr eingeführt, insofern liegen noch keine wirklichen Erfahrungswerte vor, aber die Feedbacks aus der Künstlerschaft waren meist positiv. Wenn der Schweizer Kunstpreis als Preis ernst genommen werden soll, scheint es uns wichtig, ihn zu «verknappen». Weniger Künstler/innen auszuzeichnen bedeutet zudem, den Einzelnen mehr Aufmerksamkeit schenken und deren Werke besser vermitteln zu können. Parallel zur Reduktion haben wir allerdings das bisherige kleine Spesengeld für die Ausstellungsteilnehmer/innen erhöht. Damit wollen wir als gutes Beispiel vorangehen und eine Summe zur Verfügung stellen, welche die Künstler/innen nutzen können, wie sie wollen. Dem BAK kam unser Vorschlag der Reduktion der Preise aus Gründen der Angleichung der unterschiedlichen Preise sehr recht.

Polzer: Dass das BAK jetzt an sämtliche an der Ausstellung beteiligten Positionen CHF 5000 zahlt, ist wirklich phantastisch, weil so deutlich gemacht wird, dass es aufwändig und durchaus teuer sein kann, eine Ausstellung aufzubauen. Was sind die Folgen, entstehen so auch mehr neue Arbeiten?

Schneider: Das hoffen wir, aber eine neue Arbeit ist keine Bedingung, um auszustellen. Wir wollen damit generell die Qualität der Ausstellung fördern. Die Messehalle ist eine Herausforderung für alle, die hier ihre Arbeiten präsentieren. Die Kunstschaffenden sind gefordert - auch wenn sie keine neue Arbeit zeigen -, den Kontext mit zu reflektieren und darauf zu reagieren. Weniger Geld, mehr Design, Kojen, Web-Journal ...

Polzer: Ich habe nachgerechnet: 2014 haben fünfzig Positionen ausgestellt, die jeweils CHF 5000 erhielten, die zehn Preisträger/innen jeweils CHF 25'000. Das sind insgesamt CHF 500'000. Ich habe eine Aussage von Lea Fluck gelesen, in der sie feststellt, dass der Gesamtbetrag im Rahmen der SAA vor 2010 bei CHF 810'000 lag. Jetzt liegt er bei CHF 500'000. Das ist eine rigorose Reduktion.

Schneider: Begründet wurde sie mit der Neuverteilung der Aufgaben und den daraus entstandenen neuen Verpflichtungen des Bundes seit der Einführung des Kulturförderungsgesetzes. Der visuellen Kunst wurde tatsächlich Geld für andere kulturelle Aufgaben genommen.

Polzer: Eine Reduktion von an die vierzig Prozent! Gab es Proteste, ging ein Aufschrei durch die Künstlerschaft?

Schneider: Wir haben diese Kürzung immer wieder kommuniziert, aber kein einziger Künstler, keine einzige Künstlerin hat darauf öffentlich reagiert. Dies im Gegensatz zu den selbstorganisierten Kunsträumen, die heftig gegen den Verlust ihrer um CHF 200'000 liegenden Förderung protestiert haben.

Polzer: Zum ersten Mal wurde 2014 eine Ausstellungsarchitektur spezifisch für den Ort entwickelt. Aber passen sich diese Kojen jetzt nicht arg der Art an?

Schneider: Die Kojen selbst sind dieselben geblieben wie vorher. Die Halle wurde damit aber ganz anders bespielt. Wir als Kommission waren der Überzeugung, dass die Ausstellungsarchitektur unbedingt verändert und die Ausstellungskonditionen verbessert werden müssen. Durchgeführt wurden die Neuerungen dann von Léa Fluck zusammen mit dem Architekturbüro Vécsey Schmidt. Wir sehen es als extreme Verbesserung: Die Situation ist übersichtlicher und der Umraum wird als Halle deutlich. Und ja: Wir sind ja tatsächlich in einer Messehalle. Zwar wird die Schau immer Aus- stellung genannt, aber mehr als um eine kuratierte Ausstellung handelt es sich um ein zufälliges Aufeinandertreffen einzelner Positionen. Ich glaube deshalb, dass viele Kunstschaffende froh sind, wenn sie ihren eigenen, klaren Umraum haben. Ein wenig hatte aber auch ich das Gefühl, dass die Kunst in den verhältnismässig kleinen Kojen verschwand. Das war jetzt ein Neuanfang und das Verbesserungspotenzial für die nächsten Jahre wurde erkannt!

Polzer: Neu gibt es auch ein Internet-Journal und man freut sich, dass die Künstler/innen vorgestellt werden. Zugleich haben die Fragen, die hier den Kunstschaffenden vorgelegt wurden, viele von ihnen überrascht. «Describe your work in five words», hiess es, oder: «What will you do when you win the price?». Recht plakative Fragen, die möglichst kurz beantwortet werden sollten. Läuft das nicht ein wenig auf Spektakel hinaus, wäre es nicht besser, die Künstler/innen differenzierter zu vermitteln?

Schneider: Dem BAK wurde immer wieder vorgeworfen, es tue Gutes, aber spreche nicht davon. Die Förderaktivitäten waren nur einem eingeweihten Kreis bekannt. Darum finde ich diese Mediatisierung grossartig. Die Fragen sind nicht so, wie eine Fachperson sie stellen würde, aber es sind Fragen, die für eine Allgemeinheit ver- ständliche Antworten verlangen. Dank der Pressearbeit des Bureau N - auch dies eine Neuerung - wurden Ausstellung und Preis 2014 deutlich mehr von den Medien wahrgenommen. Das tut der Qualität des Preises keinen Abbruch, im Gegenteil.

Polzer: Ein wenig despektierlich würde ich sagen: Promotion statt Reflexion. Ein Gewinn wäre, wenn die Reflexion in der jeweils später erscheinenden und erfreulicherweise dem Kunstbulletin beiliegenden Publikation nachgeholt würde - in Form von qualifizierten Texten, die ja durchaus auch gut lesbar sein können. Auf Design und Ausstellungsarchitektur wurde jetzt viel Wert gelegt, die Unterstützung einer angemessenen Textebene steht meiner Ansicht nach noch aus. Wird es neu diesbezüglich eine etwas ausgeweitete Publikation geben?

Schneider: Bisher lieferten die Künstler/innen für die Broschüre selbst den Inhalt, bis auf das Vorwort und gewisse allgemeine Informationen. Das ist historisch so gewachsen in einer Zeit, als es das Internet nicht gab und Informationen nicht mit wenigen Klicks abrufbar waren. Diese Preispublikationen hatten eigentlich Archivcharakter und diesbezüglich sind sie tatsächlich ein wichtiges Instrument. Aus heutiger Sicht ist die aktuelle Form der Publikation aber unbefriedigend. Wir überlegen in verschiedene Richtungen. Es stellt sich beispielsweise auch immer wieder die Frage, ob und wie man die sich am Wettbewerb beteiligenden Kritiker, Kuratorinnen und Vermittler stärker einbinden könnte - vielleicht ergäben sich hier Möglichkeiten...

Polzer: Warum ist das neue Web-Journal ausschliesslich in Englisch gehalten?

Schneider: Vielleicht ist es eine Generationenfrage. Wir sind zudem ein vielsprachiges Land und Englisch ist halt die Lingua franca, die jede/r mehr oder weniger versteht. Gerade wenn es um eine leichtverständliche Vermittlung geht, ist das wahrscheinlich der einfachste Weg. Aber ich hätte es mir auch anders gewünscht.

Zuständigkeiten, Preisvergabe und Kommission

Polzer: Wofür genau sind jeweils BAK und EKK zuständig?

Schneider: Was den Swiss Art Award angeht, sind wir für die Wahl der ausstellenden Künstler/innen wie auch der Preisträger/innen zuständig. Alles Organisatorische, also der Wettbewerb, die Ausstellung, die Preisverleihung, die Publikation etc., liegt in der Verantwortung des BAK in der Person von Léa Fluck. Wir als Kommission sind nicht operativ tätig: Wir sind eine unabhängige Fachkommission, die den Bund in Sachen Kunst berät. Wir jurieren und nominieren, stellen kritische Fragen, reflektieren die Situation, bringen Vorschläge für Neuerungen, umgesetzt wird aber alles von anderen.

Polzer: 2014 wurde der SAA zum zwanzigsten Mal anlässlich der ART realisiert. Stösst diese Anbindung heute noch auf Kritik, oder sind alle überzeugt, dass die Vorteile überwiegen?

Schneider: Wir denken schon immer wieder darüber nach, ob diese Nähe zum Markt berechtigt ist, kommen aber immer wieder zum Schluss, dass die Situation für die Künstler/innen optimal ist. Punkto Sichtbarkeit, Promotion und Networking ist die Plattform in Basel unübertroffen. Eine Ausstellung im Museum bringt niemals diese Öffentlichkeit.

Polzer: 9000 Besuchende in sieben Tagen für 2014, das ist in der Tat stattlich.

Schneider: Ja, beeindruckend. Solche Besucherzahlen hat eine zeitgenössische Kunstinstitution selten, selbst wenn die Ausstellung mehrere Monate dauert.

Polzer: Mir gefällt jeweils sehr der Tag der Eröffnung. Ein optimaler Anlass zum Kennenlernen und Vernetzen.

Schneider: Ja, an der Vernissage gibt sich die ganze Schweizer Kunstszene ein Stelldichein und das ist schon seit vielen Jahrzehnten so. An der Preisvergabe wird allerdings immer noch gefeilt. Wir von der EKK meinen, die Ausstellung sei das Wichtigste und dazu gehört natürlich die Vernissage. Die Preisverleihung an sich war für uns nie von ausserordentlicher Bedeutung, aber sie erhält immer mehr Gewicht, auch weil sie eine Plattform für die Kulturpolitik des Bundes ist. Es ist ein Kulminationspunkt, der aber in der Kunst nicht denselben Stellenwert hat wie in anderen Kulturspar- ten, wo die Bühne sozusagen der natürliche Aufführungsort ist, wie beim Tanz oder Theater. Da erschöpft sich das Ganze an diesem einen Abend. In der Kunst ist die Preisverleihung kein einfaches Format.

Polzer: Kommen wir noch zur Kommission - auch dort gibt es eine Verschlankung. Früher neun sind es heute nur noch sieben Mitglieder, und von diesen sieben sind zwei Frauen und fünf Männer. Wie haltet ihr es mit der Geschlechterverteilung?

Schneider: Demnächst wird es einige Wechsel geben und dann kommen auf jeden Fall wieder mehr Frauen - Künstlerinnen - rein! Der jetzige Stand hat sich mit den letzten Austritten und der Regionenvertretung so ergeben. Aber es gibt ja nicht nur die Kommission; bei den externen Expert/innen im Bereich Kunst und Architektur sind es vier Frauen und ein Mann. Insgesamt sind wir zwölf Personen, das ist gut so, denn heute gibt es so viele Künstler/innen und so viele Ausstellungsorte. Schon in der Schweiz den Überblick zu behalten, ist nicht leicht und bedeutet grosses Engagement.




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Ausgabe 12  2014
Autor/in Brita Polzer
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