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Fokus
12.2014


 Spätestens seit der letzten documenta ist Javier Téllez auch einem breiteren Publikum ein Begriff. Jetzt ist er im Kunsthaus Zürich mit fünf seiner Film- und Videoarbeiten aus den letzten Jah­ren präsent. Sie spannen den Bogen von Kunstgeschichte zu Psychiatrie, vom Tasten zum Sehen, von Normalität zu unterschiedlichen Formen der Ausgrenzung.


Javier Téllez - In Filmen reflektieren über Norm, Exil und Täuschung


von: Raimar Stange

  
links: O Rinoceronte de Dürer (Dürer's Rhinoceros), 2010, Super-16-mm-Film übertragen auf HD-Video, Farbe, Stereoton, 41'10", im Auftrag der Calouste Gulbenkian Foundation CAM, Lissabon, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zurich
rechts: Shadow Play, 2014, Filminstallation, 35-mm-Filmprojektion, Farbe, ohne Ton, 10'57", Ausstellungs­ansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Lena Huber


Sechs blinde Männer gehen im «Entenmarsch» durch das Videobild, deutlich zu hören ist das beinahe stoische Ticken ihrer Blindenstäbe auf dem steinernen Weg in einem stillgelegten New Yorker Freibad. Die Männer bleiben schliesslich stehen und setzen sich auf eine Reihe von Klappstühlen. Schnitt: Ein Elefant mit Führer kommt ins Bild und stellt sich etwa zehn Meter vor den Männern auf. Nächste Einstellung: Die Augen bzw. Sonnenbrillen der sechs Männer sind in Grossaufnahme zu sehen. Endlich steht einer der Blinden auf, bewegt sich zu dem Elefanten hin, geht um ihn herum und tastet ihn vorsichtig ab. Dann kehrt der Mann zurück zu seinem Stuhl und der nächste steht auf und läuft los, um den Elefanten abzutasten. Das Geschehen wiederholt sich so lange, bis alle den Elefanten besucht haben.
Immer wieder sind im Ablauf des Videos extreme Close-ups der Elefantenhaut einzu- sehen, das Bild der Haut erscheint hier beinahe abstrakt. Auf der Tonspur erzählt, ein wenig zeitversetzt, jeder der blinden Männer von den Eindrücken, die er hatte, als er mit den Elefanten taktilen Kontakt aufnahm. Einer sagt: «Ich dachte, ich berühre etwas Anderes», ein anderer von ihnen schwärmt von der «Schönheit» des Dickhäuters. Anlässlich der seltsamen Begegnung reflektieren die Männer auch ihre Lage als Nicht-Sehende: «Für mich existiert das Konzept der Visualität nicht, es ist für mich gestorben und ich möchte es nicht wieder haben.»

Erfahrung mit dem «Anderssein»
Das 27.36 Minuten lange, in schwarz-weiss gedrehte Video ‹Letter on the Blind, For the Use of Those Who See›, 2007, von Javier Téllez basiert einerseits auf einer alten indischen Sage, in der Blinde nur jeweils einen Körperteil des Elefanten ertasten und dabei zu gänzlich unterschiedlichen Schlussfolgerungen hinsichtlich des Gesamtbildes des Tieres kommen. Die Fabel erzählt nicht zuletzt davon, dass es die eine gültige, die «NORMale» Weltsicht eben nicht gibt, für Sehende ebenso wenig wie für Blinde. In einem Mix aus Dokumentation und Inszenierung hat der Künstler diese Geschichte nacherzählt, wenn man so will: «reenacted».
Der Titel des Videos zitiert andererseits zudem die gleichnamige Schrift des ­französischen Aufklärers Denis Diderot aus dem Jahre 1749, in der wohl erstmals die Gleichwertigkeit von Blinden und Sehenden postuliert und somit die gesellschaftliche Ausgrenzung von ersteren kritisiert wird. Im Ausstellungsraum wird ‹Letter on the Blind, For the Use of Those Who See› so gezeigt, dass vor der Projektion scheinbar dieselben Stühle stehen, wie diejenigen, die im Video gezeigt werden. Die ­Zuschauer/innen nehmen also gewissermassen als Sehende die Rolle der Blinden ein. Téllez selbst sagt zu dieser Arbeit: «Mit Blindheit wurde ich durch meine Mutter konfrontiert, die in ihren letzten zehn Lebensjahren blind war. Es war die persönliche Erfahrung mit dem Anderssein, die mich dazu gebracht hat, mich mit Menschen zu beschäftigen, die durch ihre Kondition stigmatisiert sind.»
Durch «ihre Kondition stigmatisiert» sind in unserer Gesellschaft immer noch vor allem «psychisch kranke» Menschen und gerade diese stehen im Zentrum der künstlerischen Arbeit von Téllez. Er stellt fest: «Die Geisteskranken sind die am stärksten ausgegrenzten Menschen in der Gesellschaft. Mich interessieren die autoritären Kontrollstrategien, denen sie unterliegen. Mit meinem Werk will ich die Marginalisierten in einen der zentralen Räume der Gesellschaft bringen: ins Museum.»
Das gelingt dem Künstler mit einer seiner bisher überzeugendsten Videoinstallationen, der Arbeit ‹Dürer's Rhinoceros›, 2010, die im Panoptikum des Miguel-Bombarda-Hospitals in Lissabon gedreht wurde, also in der grössten psychiatrischen Klinik der portugiesischen Hauptstadt. Das von dem Philosophen Jeremy Bentham entworfene Gebäude wurde bereits 1896 als Gefängnis für psychisch kranke Straffällige gebaut. Um einen zentralen Aufsichtsturm stehen kreisförmig die Zellen des Panoptikums, das seit dem Jahre 2000 im Hospital als Museum dient. Hier hat Téllez, wie so oft, gemeinsam mit den Patienten die Story seines Videos in Workshops entwickelt. Die Patienten spielen dann auch die Hauptrollen.

Zur Melancholie der Überwachungspsychologie
‹Dürer's Rhinoceros› beginnt mit einer Kamerafahrt, die aus dem Blickwinkel des Turms von aussen die Zellen in einer kreisenden Bewegung abfilmt. Plötzlich wird ein auf einem kleinen Wagen stehendes ausgestopftes Rhinozeros an den Zellen vorbeigeschoben. Wieder ein Schnitt und man sieht eine Zellennummer, dann ein rundes Guckloch, schliesslich einen Patienten der Klinik in seiner Zelle. In Zelle 19 etwa macht ein junger Mann seine täglichen gymnastischen Übungen, in Zelle 26 ist später ein Mann zu sehen, der einen Singvogel in einem Käfig betrachtet, und in Zelle 5 spielt ein Patient mit sich selbst Karten. Zwischen den Szenen aus dem Patientenalltag ist immer wieder das vorbeigeschobene Nashorn zu sehen. Mit diesem Tier spielt der Künstler auf das Schicksal des Nashorns Ganda an, das 1515 nach Portugal kam, später als Geschenk für Papst Leon X. nach Rom gebracht werden sollte, auf dieser Reise aber starb. Alfred Dürer hat mehrere Zeichnungen und Stiche von diesem Tier angefertigt - ohne das Tier je gesehen zu haben. Die dennoch beinahe «realistischen» Blätter gelten heute als Symbol für die Kraft der künstlerischen Einbildungskraft. In ‹Dürer's Rhinoceros› allerdings scheint diese Einbildungskraft an ihre Grenzen zu kommen: Das stoische Schieben des ausgestopften Tieres vorbei an den kargen Zellen, das wortlose Agieren der Patienten sowie das offensichtlich trostlose Eingesperrtsein in den viel zu kleinen Zellen vermittelt nämlich ein beklemmendes Gefühl der Melancholie, ein Gefühl, das durch die im Video zu hörenden Texte noch verstärkt wird: So werden Jeremy Benthams Brief über das Panoptikum, Passagen aus Platons Höhlengleichnis sowie Ausschnitte aus Franz Kafkas unvollendeter Kurzgeschichte ‹Der Bau› vorgelesen. In letzterer versucht ein nicht näher definiertes Tier vergeblich einen unterirdischen Bau zum Schutz vor Feinden zu errichten. Zunehmende Paranoia lässt es aber mit seinem Bau nie zufrieden sein.
Téllez hat mit ‹Dürer's Rhinoceros› ein so verstörendes wie eindrucksvolles Bild geschaffen - für einen Umgang mit psychisch Kranken, der vor allem durch Überwachung und Disziplinierung charakterisiert ist. Bekanntlich hat Michel Foucault diesen Umgang in seinem Buch ‹Überwachen und Strafen›, 1975, nicht zuletzt am Beispiel des Benthamschen Panoptikums vorgestellt.

Biografisches?
Auch das Interesse von Téllez an der Psychiatrie wird oftmals in Texten über ihn hermeneutisch begründet, der Künstler selbst befeuert diese Interpretationsweise, wenn er in einem Interview sagt: «Als Sohn zweier Psychiater war ich seit frühester Kindheit in täglichem Kontakt mit mentalen Patienten und psychiatrischen Einrichtungen.» Doch mit solchen biografischen Zugängen zu einem Werk macht man es sich immer zu einfach, auch wenn vielleicht Téllez' Kunst über psychische Befindlichkeiten diesen Zugang nahezulegen scheint. Letztlich aber gibt der konzentrierte Blick auf das Werk den Weg vor für die konstruktive Auseinandersetzung mit dieser Kunst. Und dazu bietet jetzt die Ausstellung im Zürcher Kunsthaus mit einer Auswahl von Filminstallationen - darunter die soeben fertiggestellten, aufeinander bezogenen Projektionen ‹Bourbaki Panorama› und ‹Shadow Play› - eine gute Gelegenheit.
Raimar Stange (*1960, Hannover) ist freier Kritiker und Kurator in Berlin. raimarb@aol.com

Die Texte zu ‹Bourbaki Panorama› und ‹Shadow Play› sind gekürzte Zitate von Javier Téllez aus dem Handout zu seiner aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Zürich (Übersetzung Suzanne Schmidt).


Bis: 04.01.2015


Javier Téllez (*1969 Valencia, Venezuela) lebt in New York und Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl ab 2001)
2014 Walter and McBean Galleries, SanFrancisco Art Institute und Kadis Art Foundation, San Francisco;Redcat Gallery und Kadist Art Foundation, Los Angeles, USA
2013 S.M.A.K, Ghent, Belgien
2012 Museum Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, Deutschland
2011 Arthouse, Jones Center, Austin, USA; MAK, Wien, Österreich; MOCA Cleveland, USA
2010 Museo de Arte Contemporánea de Vigo, Vigo; Museu Calouste Gulbenkian, Lisbon, Portugal
2009 Kunsthaus Baselland, Muttenz; Kunstverein Braunschweig; Govett-Brewster Art Gallery, New Plymouth; Musée d'Art de Joliette, Canada
2006 Aspen Art Museum, Aspen, USA
2005 The Power Plant Contemporary Art Gallery, Toronto; Bronx Museum of the Arts, Bronx, NewYork
2004 Museo Carrillo Gil, Mexico City, Mexico
2002 WhiteBox, NYC, USA; Sala Mendoza, Caracas, Venezuela
2001 Museo Rufino Tamayo, Mexico City, Mexico



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Javier Téllez [31.10.14-04.01.15]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Javier Téllez
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