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Fokus
12.2014


 Im Basler Ausstellungsraum Klingental wird die Gruppenausstellung ‹Connecting Spaces. When artists from Suchum/i, Basel and Tbilisi meet› gezeigt. Der Untertitel lässt aufhorchen, hier findet nicht nur ein Austausch mit dem Osten statt, zudem begegnen sich Kunstschaffende aus dem Spannungsfeld eines geopolitischen Konflikts.


Kunst und Konfliktregionen - Die Initiativen der artasfoundation


von: Marcel Bleuler

  
links: Open-Air-Kino in der Nähe von Zugdidi an der Administrativ-Grenze zu Abchasien (Bring your own chair, 2012). Foto: Corina Caviezel
rechts: Die Lehrerin Phaqizo Phanchulidze liest Gedichte von Otia Iossiliani im Haus des Schriftstellers, Tskaltubo Art Festival 2014. Foto: Evan Ruetsch


Suchum/i1 ist die Hauptstadt der selbst ernannten Republik Abchasien, die nach internationalem Völkerrecht innerhalb der Grenzen Georgiens liegt. Die Unabhängigkeit der Region, die jüngst wiederholt in der Presse erschien, da Parallelen zwischen ihrer Abspaltung und den Sezessionskämpfen in der Ukraine beschrieben wurden, wird von kaum einem Land ausser Russland anerkannt. Bis heute ist der Landstreifen am Schwarzen Meer vom Unabhängigkeitskrieg Anfang der Neunzigerjahre gezeichnet, der sowohl auf georgischer als auch auf abchasischer Seite zu Flüchtlingsströmen führte. Der Konflikt ist nicht gelöst, sondern eingefroren. Die Infrastruktur und die wirtschaftliche Situation in Abchasien sind fragil, was sich auf das Leben der ohnehin isolierten Bevölkerung und auf die Perspektive von jungen Kunstschaffenden erschwerend auswirkt.
Trotz dieser eingeschränkten Lebensrealität erweckt das Ausstellungsprojekt in Basel nun die Erwartung, dass über die militärisch gesicherte Abgrenzung Abchasiens hinweg Verbindungen geschaffen werden. Impliziert der Titel damit, dass Kunst ein Raum sein kann, in dem ein Konflikt beiseite gelegt werden und an seine Stelle künstlerischer Austausch treten kann? Kann mit Kunst oder im Rahmen von Kunst zum Frieden beigetragen werden?
Dies sei ein grosses Wort, erwidert die Kulturgeografin Dagmar Reichert nach ­einer Denkpause. Reichert ist Initiantin und heutige Geschäftsführerin der privaten Schweizer Stiftung artasfoundation, die hinter dem Ausstellungsprojekt in Basel steht, das von Annina Zimmermann und Maria Magdalena Z'Graggen in Zusammenarbeit mit Asida Butba organisiert wird. Seit gut drei Jahren erforscht die Stiftung, was Kunst für die Zivil­bevölkerung in Konfliktregionen bewirken kann, indem sie Initiativen und Austauschprojekte hauptsächlich im Südkaukasus durchführt.
Zu den jüngsten Projekten der Stiftung gehört das Tskaltubo Art Festival in Georgien. Tskaltubo war zu Zeiten der Sowjetunion ein berühmter Kurort, in dessen ehemals prunkvolle Hotelanlagen in den Neunzigerjahren 12'000 ethnische Georgier/innen behelfsmässig einquartiert wurden. Sie waren aus der Region Abchasien geflohen und gelten seither als «Internally Displaced People» (IDP). Im Vorfeld des Festivals haben georgische und internationale Kunstschaffende unter der Organisation von artasfoundation und einer lokalen NGO mit der Bevölkerung vor Ort Workshops durchgeführt. Neben Produktionen von lokalen Musik- und Tanzgruppen sowie Ausstellungen georgischer Kunstschaffender präsentierten sich die Workshops während eines Festivalwochenendes, das dieses Jahr zum zweiten Mal stattfand. Ebenfalls zum wiederholten Mal war artasfoundation vergangenen Frühling in den Flüchtlingssiedlungen rund um die georgische Provinzhauptstadt Gori aktiv, in denen IDPs aus der Region Südossetien leben. Die Zürcher Künstlerin Linda Pfenninger war mit der Koordination eines Complaints Choir beauftragt, dessen Idee vom finnischen Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen stammt, das für die Zusammenarbeit ebenfalls angereist war. In verschiedenen Arbeitsschritten sammelten die Künstler/innen Beschwerden der Bevölkerung, die von einem lokalen Komponisten zu einem Chorgesang arrangiert wurden. Mit einer singwilligen Gruppe grösstenteils junger IDPs wurde das Lied über Wochen hinweg einstudiert und schliesslich in den umliegenden Siedlungen sowie in der Landeshauptstadt Tbilisi aufgeführt.

Dialog und Austausch
Diese Projekte, die einen Ausschnitt der diesjährigen Tätigkeiten veranschaulichen, stellt artasfoundation an einem monatlichen Jour fixe in einem Kreis von Kunst- und Kulturschaffenden, von denen die meisten bereits selbst an Projekten mitgearbeitet haben, zur Diskussion. Zugleich wird im Austausch mit Entwicklungszusammenarbeits-Beauftragten eine Auswertung vorgenommen. In diesem Kreis kommt es immer wieder zu Fragen nach den grundsätzlichen Interessen der Stiftung, die unter den Projektmitarbeitenden lebhaft und zuweilen kontrovers diskutiert werden. Grundsätzlich ist man sich einig, dass Kunst das Potential hat, Menschen in Konfliktregionen Sichtbarwerdung zu ermöglichen, und dass mit Kunstinitiativen zum Wiederaufbau des kulturellen Lebens sowie zu einem «Normalisierungsprozess» beigetragen werden kann. Zugleich evoziert diese Beschreibung aber das zu enge Bild einer rein humanitären Praxis und einer einseitigen Konstellation, so als würden sich die Mitarbeitenden als «Heilsbringer» verstehen. Gerade diese Vorstellung erweckt rundum kritische Reaktionen. Wie die Künstlerin Franziska Koch betont, gehe es darum, in einen Dialog und Austausch zu treten. Für die meisten Mitarbeitenden steht das Interesse im Vordergrund, in einem anderen Kontext als dem Schweizer Kunstfeld über Öffentlichkeit und Interaktion nachzudenken. Die Projekte ermöglichen, aktuelle künstlerische Strategien, die sich unter den Stichworten der partizipativen Kunst oder der Social Art fassen lassen, auf die Probe zu stellen und ihre ethischen Implikationen zu ergründen. In diesem Sinne steht der Prozess der Zusammenarbeit ebenso im Vordergrund wie das Erarbeiten von Kunstobjekten oder Aufführungen, und die Perspektivenerweiterung, die in den Projekten von artasfoundation stattfindet, ist als eine gegenseitige zu verstehen.

Politische Unparteilichkeit
Zur selbstkritischen Konzeption der Stiftung gehört auch der Anspruch, nicht Partei zu ergreifen. Deshalb war von Beginn an klar, dass sich die Aktivitäten auch auf Abchasien erstrecken sollen. Der Region näherte man sich erstmals 2012 mit dem Projekt ‹Bring your own chair› an. Herzstück des Projekts war ein mobiles Open-Air-Kino, das in verschiedenen Orten an der Administrativ-Grenze zu Abchasien Station machte und der stark marginalisierten Bevölkerung internationale Kinofilme vorführte, die eigens ins Georgische übersetzt worden waren. Zur gleichen Zeit knüpfte Dagmar Reichert in Abchasien persönliche Kontakte und baute mit Hilfe internationaler Organisationen ein Netzwerk auf, das der Stiftung heute ermöglicht, in direkter Zusammenarbeit mit lokalen Kunst- und Kulturschaffenden Projekte durchzuführen, die von der De-facto-Regierung zwar beobachtet, aber nicht mitbestimmt werden. Das erste dieser Projekte fand im Frühling 2014 statt, als artasfoundation am Sitz der Artists' Union in Suchum/i einen zehntägigen Workshop veranstaltete, für den Studierende der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel anreisten, um gemeinsam mit jungen abchasischen Kunstschaffenden an Themen zu arbeiten, die sich auf das Leben in Suchum/i bezogen. In diesem Rahmen fand ein intensiver Dialog über die kulturhistorisch verschieden geprägten Kunstbegriffe im Osten und Westen statt, der nun mit der Ausstellung in Basel, zu der einige der abchasischen und auch der georgischen Kunstschaffenden anreisen, einen weiteren Schritt nimmt. ‹Connecting Spaces› will den geopolitischen Konflikt nicht ausstellen und auch nicht Frieden schaffen, sondern einen Austausch ermöglichen, aus dem die Schweizer Beteiligten ebenso etwas für sich herausholen können wie die Kunstschaffenden aus dem Südkaukasus.
Marcel Bleuler (*1980), Kunsthistoriker, lebt in Zürich. Mitarbeit am Austauschprojekt in Abchasien und seit Herbst 2014 an der Konzeption der Forschungstätigkeit von artasfoundation. marcel.bl@gmail.com
1Die Nutzung von Bezeichnungen und Namen in Hinblick auf die Konfliktregion sind nicht als Anerkennung oder Nichtanerkennung durch den Autor auszulegen.

Bis: 04.01.2015


öff. Führung mit Annina Zimmermann: 14.12., 13.00 Uhr Die Ausstellung ist Teil des Begleitprogramms der Basler OSZE-Konferenz



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Spaces Connecting [30.11.14-01.04.15]
Institutionen Ausstellungsraum Klingental [Basel/Schweiz]
Autor/in Marcel Bleuler
Link http://www.artasfoundation.ch
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