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Ansichten
12.2014


 Vor allem die Schweiz, aber auch Hongkong, Paris, die Malediven im Sommer - das Rauschen des nebenstehenden Bildes könnte gut alle diese Orte enthalten. Mit anderen Worten: 365 Fotogra­fien mit je 1/365stel Transparenz bilden das Grundmaterial des geschichteten Bildes.


Ansichten - I do not wish to add any more


  
Rahel Erny · 365/365stel Realität, Grösse variabel, 2014


Die Hauptfunktion der Texte von Jorge Luis Borges sei, so Jean-Yves Jouannais in ‹Artistes sans oeuvres›, Platz auf den Regalen der Bibliotheken zu sparen: «Je mehr er schreibt, desto mehr er spart.» Ähnlich wie wir in Borges ‹Sandbuch› dem Buch der Bücher begegnen, haben wir es hier mit einem Bild von Bildern zu tun - mit einem überlagerten Bild, in dem ich eine zutreffende Antwort auf die alternative Version der immer wieder zitierten Aussage von Douglas Huebler sehe: «The world is full of pictures, more or less interesting, I do not wish to add any more».
Oft frage ich mich, was mit der Unmenge von Fotografien, die jeden Tag aufgenommen werden, passiert. Wie viele Abermilliarden von Eins-und-Null Kombinationen wo gelagert sind, wer hat noch Zeit, sie alle anzusehen? Vielleicht wird aber ein Grossteil der Bilder heute gar nicht mehr dafür gemacht, im Nachhinein angesehen zu werden. Das Bild eines Mannes, der auf einer Kreuzfahrt auf dem Rhein die ganze Landschaft durch sein iPad angeschaut hat, bleibt mir in Erinnerung: Er schien nur noch die auf dem Bildschirm verlaufenden Bilder sehen zu können - die abgebildete Landschaft und nicht die Landschaft selbst.
Im Gegensatz zum heutigen Überfluss weist das gegenüber abgebildete Bild nicht nur einen borgesschen Umgang mit Bildern auf, es bezeugt auch eine originelle Sicht-weise: Aufstehen und durch das Fenster schauen sind die elementaren Tätigkeiten, aus denen das Bildmaterial entstanden ist. Hier ist das Sehen durch das Aufnehmen von Bildern dokumentiert - nicht ersetzt worden.
Während eines Jahres ist Tag für Tag der erste Blick nach draussen, die erste Aus-sicht aufbewahrt worden. Serendipität scheint mir ein passendes Wort, um das Ergebnis dieses Prozesses zu bezeichnen. Aus dem wiederholten Versuch, der Aus­senwelt durchs Betrachten näherzukommen, ist ein Rauschen entstanden, welches die Verschwommenheit der eigenen Wirklichkeit wiedergibt. Oder andersherum: Im entstandenen Bild wird sichtbar, dass das Rauschen der Realität nicht nur aus dem besteht, was geschieht, sondern auch aus der Art und Weise, wie das, was geschieht, wahrgenommen, aufgenommen, aufbewahrt und erinnert wird.
‹Schwindel der Wirklichkeit› ist der Titel der Veranstaltung, in der ich diesem Bild von Rahel Erny begegnet bin: ein Projekt der Akademie der Künste in Berlin, an dem der Master Transdisziplinarität der ZHdK im Herbst 2014 teilgenommen hat.
Delphine Chapuis Schmitz ist Künstlerin und arbeitet als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin am Master Transdisziplinarität der Zürcher Hochschule der Künste/ZHdK. delphinecs@yahoo.com



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Ausgabe 12  2014
Autor/in Delphine Chapuis-Schmitz
Künstler/in Rahel Erny
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