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Besprechung
12.2014


Markus Stegmann :  Gustave Courbet zählt zu den zentralen Künstlerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts mit prägendem Einfluss auf Publikum und Kunst bis heute. In zwei zeitgleich laufenden Ausstellungen untersucht die Fondation Beyeler seine Erfindungskraft, das Musée Rath Genf seine späten Jahre in der Schweiz.


Basel/Riehen : Gustave Courbet - Materie und Abstraktion


  
Gustave Courbet · La Source du Lison, 1864, Öl auf Leinwand, 91x73 cm. Foto: Paul Mutino


Es ist eine durchaus berechtigte Frage, was die grossen Museen dazu treibt, allseits bekannte Grössen der Kunstgeschichte immer wieder neu zu feiern. Natürlich lässt sich einwenden, die Ausstrahlung von Meisterwerken sei unvergänglich. Dass dabei erhebliche Besucherzahlen entstehen - für Finanzierung wie Reputation der Häuser gleichermassen wertvoll -, ist allerdings auch ein Aspekt. Ausstellungen in der «Klassikerzone» haben jedoch dasselbe Recht auf differenzierte Betrachtung wie kleine im «Off», die ein Minderheitenpublikum erreichen. Wer «gross» erscheint, ist deshalb nicht gleich «schlecht» im Sinne von Populismus oder Entertainment. Und wer «klein» ist, lange noch nicht automatisch «gut». Gross oder klein, viel oder wenig Publikum sind keine Kriterien für die Substanz von Ausstellungen. Hier führt die Frage weiter, was im Rahmen der Möglichkeiten der jeweiligen Institutionen liegt, welches Erfahrungspotential sich für das Publikum bietet.
In Riehen ist man zu Recht stolz darauf, erstmals im deutschsprachigen Raum das Skandalbild ‹L'Origine du monde›, 1866, zeigen zu können. Im Original wirkt es deutlich weicher und intimer als auf Abbildungen. Dass es auf Sicht gehängt ist, von weitem bereits zu sehen, nimmt dem Bild allerdings sein Überraschungspotential. Wer die enormen Hürden für hochkarätige Leihgaben kennt, weiss die Vielzahl und Qualität weit gereister Bilder in der Fondation zu würdigen. Wie aber die zukunftsweisende Wirkung eines Künstlers zeigen, ohne sie zu behaupten? Beim Gang durch die Ausstellung öffnet sich gelegentlich eine gewisse Spannweite: Neben Schlüsselwerken im Vorgriff auf die Moderne finden sich auch Szenen, die ins Idyllische kippen. Der Vergleich dieser Bilder lässt jedoch die wegweisenden Schritte Courbets erkennen: Wenn die Farbspur des Spachtels ausbricht, das Pigment als Materie und nicht mehr (nur) als Mittel der Abbildung zutage tritt, entsteht in der partiellen Abstraktion eine neue Bildenergie. Viel Dunkel verfinstert Landschaften und Grotten und zündet paradoxerweise dadurch die Vorstellungskraft: Was liegt in diesen Zonen verborgen?
Die Entscheidung allerdings, die Bilder auf weisse Wände zu hängen, um Courbet für alle sichtbar in die Moderne zu lotsen, bleibt Behauptung: Das Weiss überstrahlt die dunklen Werke, die sich in sich selbst zurückziehen und auf den grossen Wand­flächen schrumpfen. Der White Cube duldet keinen Zauber. Doch wer nah genug ­herangeht, den berührt immer noch die Magie der Bilder.

Bis: 18.01.2015



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Gustave Courbet [07.09.14-18.01.15]
Institutionen Fondation Beyeler [Basel/Riehen/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Gustave Courbet
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