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Besprechung
12.2014


Katharina Holderegger Rossier :  Stilisiert Ulf Küster in Riehen Courbet mit rund fünfzig Meisterwerken im White Cube gestreng zu einem Vater der Moderne, blitzt in Laurence Madelines überspannt kommunizierter Schau in Genf doch eine ansteckende Passion auf: die Wahrheit über die letzte Station des Malers aufzudecken.


Genève : Courbets Schweizer Jahre - Mässigung, Ehrgeiz und Sterben


  
Gustave Courbet · Grand panorama des Alpes, les Dents du Midi, 1877, Öl auf Leinwand, 151,2x210,2 cm, Courtesy The Cleveland Museum of Art, John L. Severance Fund und verschiedene Donatoren


Eine Rehabilitation der Schweizer Jahre Courbets (1819-1877) hat sich das Musée d'art et d'histoire vorgenommen. Die Kunstgeschichte habe die Kritik der Pariser Intellektuellen - Courbet habe sich durch unnötiges Mittun bei der Commune 1870 verfrüht ins Abseits spediert, was Gefängnis, Exil, Schulden, Alkohol, Krankheit und Tod zur Folge hatte - über Generationen in Form von Missachtung des Spätwerks nachgebetet. Die 71 Werke und 31 Archivstücke, welche die Chefkonservatorin Laurence Madeline begleitet von einer von 16 Spezialist/innen verfassten Publikation im Musée Rath in siena-, cocacola- und pastellfarbenen Räumen ausbreitet, heitern dieses triste Bild aber kaum auf, auch wenn sie für Nuancen sorgen.
Der reife Courbet zwischen seiner Flucht am 23.7.1873 in die Schweiz und seinem Tod am 31.12.1877 lässt sich nicht in nochmals gesteigerten Begriffen fassen, wie dies in jüngerer Zeit bei den bejahrten Tizian, Hodler oder Picasso geschehen ist und selbst bei diesen mehr über unsere veränderte Einstellung zur Endlichkeit des Lebens verrät, als kunsthistorisch ergiebig ist. Im Kontrast zu der eingangs der Schau gestreiften Produktion Courbets just nach dem Gefängnisaufenthalt in seinem Heimatdorf Ornans, die zwischen erschütternden Sinnbildern seiner misslichen Lage wie den ‹Forellen am Angelhaken› und sinnlichen Blumen, Früchten und Mädchen oszilliert, erzählen die Bilder, mit denen er seine neue Umgebung um das Haus Bon Port im Dorf La Tour-de-Peilz ermalt, von einem zwar besänftigten, aber auch etwas weggetretenen Geist. Der Parc de Crête und der Lac Léman erlauben es ihm, seine Baumstücke und Marinen wieder aufzugreifen, doch fehlen diesen nun Tiefe und Glanz oder auch Kühnheiten wie die über das ganze Bild gezogenen Schlieren. Eine Winzerin gleicht eher Figuren auf Trachtenstichen als Courbets früheren Urweibern, während er mit dem haufenweise, perspektivisch immerhin stets etwas variiert dargestellten Château de Chillon offenbar den grossen Markt bedient. Erst als sich eine Teilnahme an der Weltausstellung 1878 in Paris abzeichnet, packen den Schöpfer des Jahrhundertbilds ‹Das Atelier›, 1854/55, wieder Ambitionen. Er beginnt an riesigen Panoramen zu arbeiten. Das schon 1874 in zwei Ölstudien flagrant eingefangene Raue des Alplebens will er mit einer Sturzsicht auf den Lac Léman und einem Fernblick auf die Dents du Midi verbinden. Noch beim Malen der dreibühnigen Bilder beginnt mit einer Wassersucht indes sein Sterben.

Bis: 04.01.2015


mit Katalog



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Gustave Courbet [05.09.14-04.01.15]
Institutionen Musée Rath [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Gustave Courbet
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