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Besprechung
12.2014


Katharina Holderegger Rossier :  Julian Charrière bewunderte als Kind die Versteinerungen im Musée d'archéologie et d'histoire im Palais Riponne. Jetzt legt der zuletzt an Olafur Eliassons Institut für Raumexperimente ausgebildete und bereits international gefragte Künstler einen Stock tiefer unsere Zukunft frei.


Lausanne : Julian Charrière - Die Geografie der Zeit


  
links: Julian Charrière · Future Fossil Spaces, 2014, Prix culturel Manor Vaud, Ausstellungsansicht. Foto: Nora Rupp
rechts: Julian Charrière · The Blue Fossil Entropic Stories, 2013, Fotografische Dokumentation der perfor­mativen Expedition, Courtesy Ditterich & Schlechtriem, Berlin


Julian Charrière (*1987) ist fasziniert von Orten, wechselseitig genährt von Reisen und Büchern. Für seine erste institutionelle Schau in der Schweiz, die dem seit 2006 in Berlin lebenden Künstler nun durch den Manorpreis Waadt zugefallen ist, hat er sich an aus dem Bewusstsein ausgeblendete Orte begeben, wo der Mensch zurzeit ganze Landschaften tilgt bzw. schafft, um seinen ungeheuren Energiehunger zu stillen. Vor allem aber hat Charrière diesen denkwürdigen Orten, wo sich ferne Vergangenheit und Zukunft verschränken, neue, unglaublich klare und feine Bilder abgerungen, welche die moderne Natur-Kultur-Dichotomie ad absurdum führen.
Im ersten der drei von ihm bespielten Prachtsäle des Musée des Beaux-Arts eröffnen uns berückend abgetönte Fotografien eine Konstellation, die unvermeidlich an C.D. Friedrichs naturguckende Bürgersleute erinnern, doch ist die Figur darauf von ihrer Felsenterrasse im Vordergrund weit in die Ferne auf einen im offenen Meer treibenden Eisberg geraten. Im dritten Saal führt uns dagegen ein träge umherschweifender Film zu Elementen, die Tempelanlagen einer vom Winde verwehten Zivilisation ins Gedächtnis rufen. Doch verwandeln sich die scheinbaren Monolithen im Zoom in bröckelnde Betonpfeiler. Diese stehenden, instabil wirkenden und doch Stillstand vermittelnden Bilder sprechen Bände über unser Schicksal im bereits angebrochenen Anthropozän, ehe klar wird, dass wir den Künstler bei performativen Expeditionen begleiten, die darauf ausgerichtet waren, mit einer butangespeisten Flamme an der isländischen Küste das Abschmelzen der Eiskappen zu begreifen, oder in dem 1954-1989 von den Russen für Atomversuche benutzten Polygon in Kasachstan Radioaktivität aufzuspüren und selbst wahrzunehmen.
Dieses Bedürfnis des Künstlers, geokulturpolitische Zusammenhänge anzufassen, drückt im zweiten Saal vollends durch, wo er Quader von lithiumhaltigem Salz aus den bolivischen Anden turmhoch aufgeschichtet und mit Miniaturen von Wannen durchsetzt hat, in denen dieser bekannte, in jedes E-Device eingebaute Energiespeicher zwischen Türkis und Smaragd oszillierend gelöst wird. Zwei weitere Arbeiten führen nicht weniger anschaulich vor Augen, dass materiell wie biologisch betrachtet alles heutige schon längst da war. So hat Charrière gegenüber dem Film bzw. den Fotografien seit der Urzeit existierende Orchideen eingefroren und 24 Sanduhren mit Gestein aus 24 Erdepochen an der Wand zerschellen lassen.

Bis: 11.01.2015



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Julian Charrière [31.10.14-11.01.15]
Institutionen Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Julian Charrière
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