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Besprechung
12.2014


Yvonne Ziegler :  Um die Häuser, durch die Strassen gingen sie, auf der Jagd nach Plakatwänden, die sie als Material ihrer Décollagen verwenden konnten. Das Museum Tinguely Basel zeigt in einer grossen Überblicksausstellung selten zu sehende Werke der Affichisten aus den Jahren 1946 bis 1968.


Basel : Affichisten


  
Jacques Villeglé · La Moto - avenue Ledru-Rollin 19 mars 1965, Plakatabriss auf Leinwand, 320x270 cm, Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris ©ProLitteris, Courtesy Musée d'Art Moderne. Foto: Roger-Viollet


Unter dem klingenden Titel ‹Poesie der Grossstadt› sind neben den berühmten Plakatabrissen spannende fotografische, filmische und poetische Experimente und Kollaborationen von Raymond Hains (1926-2005), Jacques Villeglé (*1926), François Dufrêne (1930-82), Mimmi Rotella (1918-2006) und Wolf Vostell (1932-98) zu sehen. Den Eingang ziert die erste offizielle Décollage von 1949, ein Gemeinschaftswerk von Villeglé und Hains, das aus Plakatfetzen zusammengesetzt wurde. Es trägt den Titel ‹Ach Alma Manetro›, der sich aus mehreren Textfragmenten des Bildes ergab. Bereits hier wird deutlich, dass es den Affichisten um das Freilegen von Schichten, das Gefüge zufälliger Bild- und Textfragmente sowie den Prozess des Findens anstelle des künstlerischen Erfindens ging. In der Regel wurden die Plakate sogar, so wie sie von den Passanten verändert worden waren, aus dem Stadtraum nach Hause getragen. Sinnhafte Repräsentation und subjektive Expression wurden verneint.
Dennoch lassen sich beim Gang durch die jeweils einem Künstler oder übergreifenden Themen wie Pop und Politik zugeordneten Plakatabrisse Handschriften ablesen. So interessierte Rotella anfangs vor allem die Materialität des verwitterten Papiers sowie das Trägermedium, während er später Filmplakate als ästhetisches Bildmaterial auf Leinwand verarbeitete. In Basel ist ausserdem seine vom Futurismus beeinflusste ‹Poesia epistaltica› zu hören. Hains interessierte sich zunächst für die Verfremdung der Realität anhand des fotografischen Blicks durch geriffelte Gläser (Hypnagogoskop). Dieses Verfahren wendete er zusammen mit Villeglé auch auf einen lettristischen Text von Camille Bryen an, wodurch dieser gänzlich unlesbar wurde. Zudem arbeiteten die beiden vier Jahre lang an verschiedenen Varianten eines abstrakten Films. Dufrêne schuf lettristische Lautgedichte sowie einen Film ohne Film, der nur als Ton im Raum existiert. Er interessierte sich vor allem für die Rückseiten der Plakate. Der nicht eigentlich zur Gruppe zählende Vostell forderte 1958 in einem Happening Passanten auf, Plakatreste vorzulesen und weiter abzureissen. Er selbst bearbeitete Plakatabrisse mit Farbe oder Feuer und übertrug den Begriff Dé-coll/age auf andere Materialien (Objekte, Fernsehen). Die Ausstellung verdeutlicht sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede der einzelnen Künstler, die nicht nur als Teilgruppe, sondern auch als Pioniere der Nouveaux Réalistes angesehen werden können, zu denen bekanntermassen Jean Tinguely gehörte.

Bis: 11.01.2015



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Poesie der Grossstadt. Die Affichisten [22.10.14-11.01.15]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
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