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Hinweis
12.2014




Berlin : Site Visit


von: Miriam Wiesel

  
Kate Cooper · Rigged, 2014, Courtesy Kate Cooper


Drei Ausstellungen auf drei Ebenen: unten inszenierter Trash, in der Mitte die Kultivierung und Neukodierung angepassten Funktionierens, oben asketische Rückbesinnung als Element von Selbstermächtigung. Drei Haltungen der Achtzigergeneration zusammen betrachtet.
Erdgeschoss und Halle der KW sind vollflächig mit Teppichboden ausgekleidet. Überall stehen Sitz- und Liegemöbel. Dieses an den Hauptdrehort, einen ehemaligen Freimaurertempel, angelehnte Setting verschmilzt mit dem 30-Kanal-Surround-Sound und diversen Projektionen. Ein komplexes Gesamtgefüge, zu dessen Teil man werden soll. Zurücklehnen wie im Kino und konsumieren. ‹Site Visit› heisst die Ausstellung des in Los Angeles ansässigen Filmemachers und Künstlers Ryan Trecartin (*1981) und seiner künstlerischen Partnerin Lizzie Fitch, die das Publikum kalkuliert überfordert: sinnbetäubend. Mehrere Screens gleichzeitig. Eine Gruppe junger Menschen irrt durch ein Gebäude, die Kamera immer dabei. Alles wird aufgezeichnet. Realität und Virtualität durchdringen sich. Jeder ist - die gegenwärtige Technik macht es möglich - gefilmtes Objekt und filmendes Subjekt zugleich. Herkömmliche Identitätszuschreibungen gelten nicht. Alles löst sich in einem medialen Narzissmus auf. Überschreitung als von der Kunstszene sanktionierter Genuss.
In den Etagen darüber zeigt die Schering-Preisträgerin 2014, Kate Cooper (*1984, Liverpool), das Idealbild eines jugendlich schönen Menschen, dem wir in der Werbung allenthalben begegnen: ‹Rigged›, d.h. manipuliert, zurechtgebastelt ist die junge ebenmässige Frau, die uns täuschend echt, «more human than human», entgegenblickt. Ist der von Cooper geschaffene Avatar analog dem kontrollierten, sich permanent selbst optimierenden Maschinenmensch aber nicht schon State of the Art?
Nach dem «Post-Internet»-Avantgardegestus Trecartins und der Arbeit am «post-gegenständlichen» Bild bei Cooper wirft Lukas Töpfer (*1988) mit seinem für den Ausstellungszyklus ‹Der Rückzug der Dinge› kuratierten Raum - eine fensterlose Klause, darin ein Tisch und zwei Stühle - den Menschen auf sich selbst zurück. Zunächst wird an 31 Abenden zum Vier-Augen-Gespräch geladen. «Ein Werk für einen kleinen Kreis zu machen, hat zur Folge, in den Rezipienten ganz reale ‹Gegenüber› zu erkennen - nicht mehr die Vertreter jener imaginären Menge, die man auf den unbestimmten Namen ‹Publikum› getauft hat. Die Kunst wird im Konkreten von der Forderung entbunden, einen Monolog zu halten, der die ganze Welt betreffen muss. Die öffentlichen Werke drohen, leere Zentren zu umspielen. Hört da jemand zu, wo man ein Publikum vermutet?», so schrieb Töpfer anderswo. Drei prototypische Strategien zur Befragung der Gegenwart: als Gesamtpaket ein grosser Wurf.

Bis: 11.01.2015



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Ryan Trecartin [14.09.14-11.01.15]
Ausstellungen Kate Cooper [14.09.14-11.01.15]
Institutionen KW Institute for Contemporary Art [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Ryan Trecartin
Künstler/in Kate Cooper
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