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Hinweis
12.2014




Bern : Alain Jenzer


von: Gabriel Flückiger

  
links: Alain Jenzer · Là-haut, 2013, Originaldruck ab gebrauchtem Bergstock (Holzschnitzerei), Linoldruckfarbe auf Hahnemühle, schwarz gerahmt, 19x25 cm
rechts: Alain Jenzer · Stillleben mit Strohhalm (Noah zu Besuch beim Urgrosi) 2014, Digitalfotografie, Pigmentdruck auf Hahnemühle, 21x30 cm


Vergänglichkeit und Tod, Erinnerung und Gedächtnis sowie Spuren und Reste sind die bisherigen künstlerischen Koordinaten des Berners Alain Jenzer (*1974). Seine Schaffensweise lässt sich weniger als objektzentriert, sondern vielmehr im Sinne sammelnder, ritueller Vorgänge beschreiben. Häufig bilden unprätentiöse, beiläufige Handlungen die Ausgangslage seiner Werke. Das Blättern in der Tageszeitung, das unweigerlich an Todesanzeigen vorbeiführt, ist dabei gleich für mehrere Arbeiten entscheidend geworden: ‹Au lieu et place de fleurs›, 2009, bezeichnet eine flächige Auslage von Einzahlungsscheinen. Während Monaten füllte er die orange-roten Zettel täglich für solche Todesanzeigen aus, welche als Zeichen der Kondolenz eine Geldspende an karitative Organisationen wünschten. ‹Lückenfüller (Ikonographie der Trauer)›, 2010, entstammt seiner Sammlungstätigkeit rund um die träumerisch-kitschigen Füllbilder, die bei fehlender Anzahl eingegangener Todesanzeigen die Zeitungsseiten komplettieren. Mehrere Dutzend dieser anonymen Andachtsbilder fügte Jenzer zu einem fragilen Vorhang zusammen.
Auch für die aktuelle Einzelausstellung in der Galerie Béatrice Brunner bezieht sich Jenzer auf retrospektive Techniken der Erinnerung. Er zeigt mehrere gebrauchte, dunkeltönige Steh-rahmen, die in der Anhäufung ein verstummtes, aber forderndes Echo der Lebendigkeit bilden. Der Umgang mit etwas Hinterlassenem nimmt bei der umfangreichen Serie ‹là-haut› dagegen eine eigene Bildlichkeit an. Mit in Brockenhäusern erstandenen Wandergehstöcken - Überbleibsel unbekannter Menschen - fertigte er Linolfarb-Drucke an. Die in die Stöcke eingeritzten Blumen und Wanderorte werden zum Siegel eines still gewordenen Objekts, das die mit ihm gemachten Erlebnisse verschliesst.
Wichtiger Teil ist auch Jenzers Hinwendung zur Farbe, die sich - so banal der Topos auch scheint - aus der Geburt seines Sohnes ergab. In einer Rauminstallation hängen gelb, blau und rosa bemalte Gehstöcke, die jetzt in ihrer Leichtigkeit aber eher die kindliche Freude am Baumelnden symbolisieren und weniger die auf Gebrechlichkeit hindeutende Unterstützung. Trotzdem scheinen für Jenzer das junge Leben und der Lebensabend frappante Ähnlichkeiten zu besitzen. Die Fotografie ‹Stillleben mit Strohhalm (Noah zu Besuch beim Urgrosi)› hinterlässt denn auch die Unklarheit, ob der Strohhalm in der Tasse dem jungen Sohn oder der Grossmutter dient.

Bis: 20.12.2014



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Alain Jenzer [29.11.14-20.12.14]
Institutionen Béatrice Brunner [Bern/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Alain Jenzer
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