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12.2014




Brugg : Die Axt im Haus


von: Andrina Jörg

  
links: Livio Baumgartner · Endless Summer I, 2014, HD-Video, 1:00:14, Ton, Farbe, geloopt
rechts: Ausstellungsansicht, Zimmermannhaus, 2014. Foto: Livio Baumgartner


Gemeinsam haben Livio Baumgartner, Michael Günzburger, Pascal Häusermann und Christian Vetter in der Galerie Zimmermannhaus sinnbildlich zur Axt gegriffen, um Kerben für die Kunst der hintersinnigen Kollaboration zu schlagen. In «Do-it-yourself»-Manier hat das kurzzeitige Künstlerkollektiv gleichsam ein Projekt mit doppelten Böden gezimmert: Mit Hilfe eines ausgeklügelten Regelwerks sind konkrete Arbeitsanweisungen für das Kollektiv entstanden, nach denen die Komplizen mit gegenseitiger Hilfe ihre Werke geschaffen haben. Fragen nach Autorschaft, nach Produktionsprozess, Geniekult und Labeling, nach Ressourcenschonung bei prekären Arbeitsbedingungen stellen sich nicht nur den Kollaborateuren, welche die Werke vor Ort produziert haben, sondern auch dem Publikum, das die Fährten des gemeinsamen und lustvollen Spurenlegens der Künstler in der Ausstellung verfolgen kann.
In der charakteristischen Art, Kunst zu denken und umzusetzen, bleibt interessanterweise die künstlerische Handschrift jedes Einzelnen in hohem Mass erkennbar; die Werke haben sich jedoch im Experiment mit den Kollegen weiterentwickelt. Etwa, wenn die Kunstschaffenden nach Vorlage einen ‹Häusermann› produzieren, den für ihn typischen Arbeitsschritt des Überlagerns diverser Vorlagen kopieren und diese dann - gar nicht häusermannartig - auf grosser Leinwand mit Pinsel ausführen müssen. Oder wenn Livio Baumgartner ein Jam-Konzert organisiert, in einer einzigen Einstellung filmt und dafür den Hobbymusikern und Instantbandmitgliedern Instrumente zuweist, die von ihnen schon lange nicht mehr gespielt wurden. Christian Vetter gibt die Zügel, resp. die Lineale aus der Hand, wenn er die anderen damit beauftragt, Vetter-like horizontale und vertikale Linien in Silber und Schwarz so lange über die Leinwand zu ziehen, bis alle das Bild als «fertig» betrachten. Und Michael Günzburgers Drucke von haarigen Oberkörpern sind sowohl ein beherztes Zeugnis seines Interesses und gekonnten Umgangs mit der Drucktechnik wie auch des Ganzkörpereinsatzes der vier «Zimmermänner». Fernab der urbanen und von Aufmerksamkeitsökonomien diktierten Kunstszene entsteht so Kunst, die durch die entspannte, mutige und humorvolle Haltung der vier Protagonisten ihre Vielschichtigkeit potenziert, weil diese hinterlistig Keile in die gängigen Praktiken des Kunstbetriebs treiben und wie nebenbei dessen Bedingungen freilegen.

Bis: 07.12.2014



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Die Axt im Haus [25.10.14-07.12.14]
Institutionen Zimmermannhaus [Brugg/Schweiz]
Autor/in Andrina Jörg
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