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12.2014




Frankfurt/M : Pauline M'barek


von: Verena Kuni

  
links: Pauline M'barek · Glance, 2014, Ortsspezifisches HD-Video, S/W, 5'
rechts: Pauline M'barek · Artefakte, 2014, 39 Abdrücke aus Alabastergips auf beleuchtetem Spiegelbord


Einen Moment lang ist das Lid noch geschlossen. Dann öffnet es sich, gibt den Blick auf das Auge frei und dem Auge den Blick. Ein Bild im Bild ist dort zu sehen. Und zu erkennen: Es handelt sich um eben jenes sanft geschwungene Treppenhaus, durch das man zuvor selbst zu dem Raum gelangt ist, in dem man nun dem Auge gegenübersteht. Und dem, was es sieht? Oder handelt es sich doch nur um eine Spiegelung auf der Iris, die nicht den Blick des Auges, sondern sein Gegenüber wiedergibt?
‹Glance› kann im Englischen sowohl den flüchtigen Blick bezeichnen wie auch den Glanz, der diesen anzieht und zugleich abweist. Als Kippfigur steht der Titel, den Pauline M'barek (*1972) ihrer ortsspezifischen Videoinstallation gegeben hat, exemplarisch für eine Befragung der Wahrnehmung, mit der sich die Künstlerin immer wieder aus neuen Perspektiven befasst.
Da ist etwa die schlichte Zeichnung einer Maske, die in Auseinandersetzung mit den Präsentationsformen von Artefakten in ethnologischen Sammlungen entstand. Sie ist nicht nur ein visuelles Echo der Leere, das die vis-a-vis positionierten ‹Trophäenhalter›, 2011, umklammern - Nachbildungen jener Stützen, auf denen die Beutestücke kolonialer Expeditionen bis heute Museumsbesuchern wahlweise als Kultobjekte oder als Weltkunst dargeboten werden. Sie ist ebenfalls eine Kippfigur: lesbar als positive wie als negative Form. Ein Prinzip, das M'barek in mehreren Arbeiten weiterführt - nicht nur in dem Video ‹Glove›, in dem ein Handschuh von einer Hand auf die andere gezogen und dabei unaufhörlich gewendet wird: Links wird zu Rechts, Positiv zu Negativ, Innen zu Aussen, Hülle zu Körper, Volumen zu Form.
Als ‹Volume› stellt die Künstlerin ein Objekt vor, bei dem es sich auf den ersten Blick um einen umgekippten Eimer zu handeln scheint, aus dessen Öffnung eine inzwischen erstarrte Flüssigkeit geronnen ist - erst auf den zweiten mag man erkennen, dass auch das Volumen selbst nur Teil des Gusses, der Eimer selbst nach dem Prozess entfernt worden ist. Im Video ‹Void›, 2014, hingegen ziehen zwei Hände aus einem Tonklumpen auf kreisender Scheibe eine Hohlform, deren Volumen sich unaufhörlich zu verändern scheint, während die Masse doch stets dieselbe bleibt. Indessen entpuppen sich die ringsum wie kostbare Fetische auf hinterleuchtetem Spiegelglas präsentierten ‹Artefakte›, 2014, als deren Komplement: Alabastergips, der dem Raum zwischen zwei Händen jene greifbare Gestalt verleiht, die sich sonst als Leere dem tastenden Auge entzieht.
Formen der Berührung: Das meint ein Hin- und Herwenden der Gegenstände und ihrer Wahrnehmung, wortwörtlich wie auch im übertragenen Sinne, um in den wechselseitigen Reflexionen zwischen Bild und Blick zu etwas zu gelangen, das man Erkenntnis nennen kann.

Bis: 04.01.2015



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Pauline M’barek [30.10.14-04.01.15]
Institutionen Frankfurter Kunstverein [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Pauline M’barek
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