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Hinweis
12.2014




Paris/Zürich : Alexandra Navratil


von: J. Emil Sennewald

  
Alexandra Navratil · Phantom 2 (entering/ sliding away), 2014 (Detail)


Es ist eine kleine, intime Schau im Projektraum des Pariser Kulturzentrums, Doppelgänger der Ausstellung bei BolteLang in Zürich. Alexandra Navratil konzentriert ihre Arbeit wie unter der Lupe, liefert eine Schau im Sinne der Vision: Erscheinung, Traumgesicht, Ausblick auf Ungesehenes. Die in Zürich und Amsterdam lebende Künstlerin geht der Geschichte von Filmen und belichteten Bildern nach. Akribische Recherche und Bildkritik bringt die 2013 mit dem Manor-Kunstpreis ausgezeichnete Navratil in die Nähe von Harun Farocki oder Allan Sekula. Auch bei der 36-Jährigen, mit deren Ausstellung sich das CCSP im Pariser Monat der Fotografie positioniert, ist politisches nicht ohne historisches Engagement zu haben. Schon das grosse Triptychon ‹Phantom 2 (entering/sliding away)› am Kopfende des Saals beweist das. Die reproduzierten Filmstreifen sind Ausschnitte sogenannter ‹Phantom Rides›. In den Zwanzigerjahren wurden sie mit einer Kamera aufgenommen, die an der Spitze einer fahrenden Lokomotive befestigt war. Navratil legt die Filmstreifen nebeneinander, an ausgewählten Stellen vergrössern Lupen ihre Vision der Geschichte. Geisterhaft grüssen kleine Männer aus der Vergangenheit, während das Ensemble eine Geschichte industrieller Eroberung des Raums erzählt, gleichursprünglich mit der Entwicklung des Films. Aktueller werden diese Verschiebungen des Blicks durch reproduzierte Realitäten der Bilder mit ‹Phantom 1›. Im knapp einstündigen Video zeigt ein Saal voller Flachbildschirme abwechselnd eine Kamerafahrt - diesmal nicht vor einer Lokomotive, sondern von oben stürzend auf einen Wasserfall - und den Blick des Objektivs in die Sonne. Die Lust am dramatischen Augensturz in die Tiefe wird frustriert durchs geometrische Muster ringförmiger Lichtreflexionen. Das gierige Auge mit Bildvisionen blockieren, ernüchtert Augen öffnen - so liesse sich das ästhetische Forschungsprogramm Navratils fassen. Die Augen wenden, um den Sinn der Bilder zu ergründen, dennoch in sie eintauchen, um ihre Wirkung zu erfahren - so ist wohl ‹Plunge/soar›, Eintauchen/Emporschnellen, der Titel der Ausstellung, gemeint. Dass sich diese Bewegung nicht auf die Welt der Bilder begrenzt, macht der Paravent deutlich, der uns Worte auf der einen, Fotos von Arbeitern um 1920 und Spiegel auf der anderen Seite entgegenhält. Während man noch die Worte zu verstehen sucht, irritieren die Fotos. Stehen da Asiaten in anrauschendem Flutwasser? Auf den zweiten Blick werden Fluten zu Flausch, die vermeintlichen Opfer der Naturkatastrophe zu jenen Händen, die durchs Trocknen von Kapok-Fasern Europas modernen Komfort schufen. Wo stellt dies das Publikum auf, hier, hinter dem Paravent, der von der postindustriellen Ausbeutungs-Realität für einen kurzen Augenblick abschirmt? Es sollte hervortreten, hinter dem Schirm. Dann wird Schau zu Vision.

Bis: 14.12.2014



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Alexandra Navratil [31.10.14-14.12.14]
Ausstellungen Alexandra Navratil [15.10.14-29.11.14]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Institutionen BolteLang [Zürich/Schweiz]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Alexandra Navratil
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