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12.2014




Zürich : Egon Schiele und Jenny Salle


von: Hans-Dieter Fronz

  
links: Egon Schiele · Tod und Mädchen, 1915, Öl auf Leinwand, 150x180 cm, Belvedere, Wien
rechts: Jenny Saville · The Mothers, 2011, Öl und Kohle auf Leinwand, 270x220 cm, Collection of Lisa and Steven Tananbaum ©ProLitteris


Egon Schiele hat in der kurzen ihm beschiedenen Lebensspanne ein umfangreiches und kühnes Werk geschaffen. Nie zuvor hatte jemand den nackten menschlichen Körper so gemalt wie er. Seine Figuren zeigt er in den bizarrsten, expressivsten Körperhaltungen und -verrenkungen. Das Inkarnat wirkt dabei häufig unrein: Fleckenhaft mischen sich Grün-, Blau- oder Orangetöne unter ein schon für sich genommen morbides Graugelb.
Das Kunsthaus Zürich zeigt nun Bilder und Aquarelle - zum grossen Teil Aktdarstellungen -, die sich zu einer sehenswerten Retrospektive summieren. Ihnen sind Bilder und Zeichnungen von Jenny Saville (*1970) zur Seite gestellt. Fleischbeschau im Kunsthaus: Was beide Künstler verbindet, ist eben dies: die Obsession fürs Körperliche. So ist für die Britin der nackte menschliche, zumeist weibliche Körper das ausschliessliche Thema. Bei beiden Künstlern auch sind mit den äusseren Hüllen die Charaktermasken gefallen: Aktdarstellungen als Protokolle seelischer Entblössung, ungeschützt und unverstellt bieten die Figuren sich unseren Blicken dar.
Spannender als durch die Gemeinsamkeiten erscheint der glänzend aphoristisch ausgelegte Parcours (Kurator: Oliver Wick) durch Unterschiede. Schieles meist knochig-hageren, aus jedem Ambiente herausgehobenen Figuren im kleinen Format laden die Bildfläche mit Ausdrucksenergie auf. Sein zentrales Thema: Die im Körperlichen sich ausdrückende menschliche Emotion, die er auch in der Natur wiederfindet, in exzentrisch gebildeten, kahlen Bäumen in herbstlicher Landschaft. Dagegen badet die Britin in ihren monumentalen Formaten in Öl geradezu in der Leibesfülle ihrer Figuren, die sich perspektivisch vervielfältigen und körperlich bisweilen monströs auffächern wie in ‹Rubens Flap›. In Transgender-Darstellungen passieren die bildlich flottierenden Identitäten selbst die Geschlechtergrenzen: Ich ist ein anderer.
Und doch, eine letzte Gemeinsamkeit: Wie sich in Schieles kleinen Formaten die Gesichter und Körper in der Nahbetrachtung in krude Pinselstriche auflösen, so in informeller Pinselschrift der Britin stellenweise ins Abstrakte. Die blutigen Nasen, die sich ihre Figuren - zumal die bildfüllenden monumentalen Köpfe - in wütenden Pinselhieben im Akt des Malens holen, sind Male der Beschädigung, die uns allen das Leben selbst zufügt.

Bis: 25.01.2015



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Ausgabe 12  2014
Ausstellungen Jenny Saville, Egon Schiele [10.10.14-25.01.15]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Hans-Dieter Fronz
Künstler/in Egon Schiele
Künstler/in Jenny Saville
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