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Artikel
SWISS ART AWARDS 2014


Léa Fluck :  Der Künstler Jean-Luc Manz war von 2007 bis 2014 Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission (EKK) und hat nachhaltig dazu beigetragen, die Schweizer Kunstlandschaft der letzten Jahre zu gestalten. Er beschreibt, wie es ist, andere Kunstschaffende zu beurteilen und erzählt uns nebenbei auch einige Anekdoten.


Interview

In Form von Schwingungen



Léa: Du bist autodidaktischer Maler und Professor an der HEAD-Genève und trittst nun nach acht Jahren aus der Eidgenössischen Kunstkom­mission (EKK) zurück. Eine der grundlegendsten Aufgaben des Schweizer Kunstwettbewerbs ist es, die aktuell besten Kunstwerke ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Gleichzeitig hat die EKK immer darauf geachtet, auch Kunstschaffende auszuzeichnen, deren Namen nicht unbedingt auf Shortlists auftauchen und die nicht zu den Top 100 gehören. Was war deine Vision, welche Schwerpunkte hast du während der Debatten innerhalb der EKK gesetzt?

Jean-Luc: Ich hatte Glück und war während den ganzen acht Jahren auf einer Wellenlänge mit den verschiedenen Mitgliedern der EKK. Unsere Arbeit mit den Kunstschaffenden hat sich weiterent­wickelt. Wir sind nicht mehr bloss eine Jury, wir versuchen auch, einen Beitrag zum Denkprozess im Zusammenhang mit dem schnellen Wandel in der Kulturpolitik des Bundes zu leisten. Qualität und neue Eindrücke sind die beiden Schwerpunkte, auf die ich mich hauptsächlich konzentriert habe. Ich bin von Natur aus offen für alle Kunstformen, das hat auch mein Verhältnis zu den anderen Mitgliedern aufgelockert und hat uns erlaubt, Kunstschaffende aus allen Sparten zu prämieren, ohne Ausnahmen.

Léa: Man spricht häufig über die Auswirkungen der Auszeichnung auf die Laufbahn der Preis­trägerinnen und Preisträger. Als Künstler hast du mehrmals ein eidgenössisches Stipendium erhalten und bist im Jahr 2007 Jurymitglied desselben Wettbewerbs geworden. Was hat dich bei diesem Seitenwechsel überrascht? Und was hat sich für dich als Mitglied der EKK geändert? Haben die Menschen ihr Verhalten dir gegenüber geändert?

Jean-Luc: Das Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft. Selbst Künstler zu sein und seinesgleichen beurteilen zu müssen, ist eine schwierige und beschwerliche Aufgabe, denn es sind viele Emotionen im Spiel. Dies unterscheidet uns von Kunst­historikerinnen und Kunsthistorikern sowie Kura­torinnen und Kuratoren, die zwar mehr Distanz haben, aber auch stärker eingebunden sind in ihrer Funktion. Ich bin eher diskret, das hat mich wohl geschützt. Jedenfalls habe ich nie Kursän­derungen im Verhalten mir gegenüber festgestellt.

Léa: Nächstes Jahr werden deine Hefte in Buchform publiziert. Hunderte von Seiten werden zurzeit vom Musée Jenisch in Vevey gescannt. Kannst du uns ein bisschen mehr über dieses Projekt erzählen?

Jean-Luc: Das Musée Jenisch hat letztes Jahr die Gesamtheit meiner Hefte erworben. Es handelt sich um insgesamt dreizehn Hefte, die ich ab 1989 erstellt habe und die je nachdem die Form eines Skizzenhefts, einer Bildersammlung, eines Archivs und eines Tagebuchs annehmen. Julie Enckell Julliard, die Direktorin des Museums, und Lionel Bovier des Verlags JRP Ringier wollen diese Hefte publizieren, nicht als peinlich genauen Faksimiledruck, sondern eher als Bildband. Ich freue mich sehr auf dieses ehrgeizige Projekt, es macht mir gleichzeitig aber auch ein wenig Angst aufgrund seiner Ausmasse, 1200 Seiten, und aufgrund der Zurschaustellung meiner Intimsphäre.

Léa: Künstler zu sein bedeutet auf gewisse Weise auch, sich zu befreien. Du hast mir von einer Reise in die USA während deiner Jugendzeit erzählt, gab es in deinem Leben ein Schlüsselereignis?

Jean-Luc: Es gab tatsächlich ein Schlüsselereignis, nach vielen Monaten der Selbstsuche, mehreren Reisen und einem Leben in Kommunen. 1974 haben mich Freunde dazu überredet, LSD zu probieren. Während drei Tagen und drei Nächten habe ich die Welt in Form von Schwingungen gesehen, in Tausenden kleinen Strichen. Ein Freund, der später Professor der Kunstgeschichte geworden ist, hat mich in diesem Zustand angetroffen und hat mir eine Feder, Tusche und Papier in die Hand gedrückt. Und so habe ich im Juli vor 40 Jahren meine ersten Zeichnungen angefertigt und entschieden, Künstler zu werden.

Léa: Neben den Kunstschaffenden, denen du an der HEAD begegnest, absolvierst du auch wahre Ausstellungsmarathons, die Bewunderung verdienen. Diese profunde Kenntnis der Schweizer Kunstszene hat die Diskussionen der Jurys für die Swiss Art Awards bereichert. Hast du in diesen acht Jahren eine künstlerische Liebe auf den ersten Blick erlebt?

Jean-Luc: Ohne jegliches Zögern: bei den Videos von Pauline Boudry und Renate Lorenz.



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Ausgabe 14  2014
Autor/in Léa Fluck
Künstler/in Jean-Luc Manz
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