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Fokus
1/2.2015


 In einer breit angelegten Ausstellung zeigt die Fondation Beyeler einen repräsentativen Querschnitt der Malerei von Peter Doig. Neben wichtigen Bildern aus allen Schaffensphasen werden erstmals auch grafische Arbeiten und eine raumfüllende Wandmalerei präsentiert, ergänzt um einen Einblick in das Archiv des Künstlers. Seit den späten Neunzigerjahren gilt Peter Doig als einer der einflussreichsten Maler weltweit. Seine magischen Landschaften zwischen Traum und Erinnerung sind global verständliche Sehnsuchtsorte in einer sich medial zersplitternden Wirklichkeit.


Peter Doig - An den Schnittstellen von Traum und Erinnerung


von: Markus Stegmann

  
links: 100 Years Ago (Carrera), 2001, Öl auf Leinwand, 229x359 cm, Centre Pompidou, Musée national d'art moderne/Centre de création industrielle, Paris ©ProLitteris. Foto: Jochen Littkemann
rechts: Pelican (Stag), 2003, Öl auf Leinwand, 276x200,5 cm, Courtesy Michael Werner Gallery, New York und London ©ProLitteris. Foto: Mark Woods


Die einsamen Kanus und Kanadier in den Bildern von Peter Doig sind nicht nur sinnbildhafte Chiffren der Einsamkeit und Verlorenheit des Individuums in der Natur, sondern mittlerweile auch Ikonen der jüngsten Malereigeschichte. Sie stehen für ein zentrales Thema seiner Bilder: die Sehnsucht des Menschen nach Rückkehr in die Natur, nach einem Versinken in ihrer unbegrenzten Weite und damit auch nach ­einer Selbstauflösung des Ichs. Der farbige Widerschein der Boote auf dem Wasser verstärkt ihre sinnliche Präsenz und verdoppelt zugleich die Illusion: Die Passagiere sind nur durch die dünne Bootswand vom Wasser getrennt und vor dem Versinken bewahrt. Das Gefühl, nicht nur dem Wasser, sondern auch einer gewissen Ziellosigkeit des Bootes ausgeliefert zu sein, das man als Passagier ja aktiv steuern könnte, erhöht den Eindruck eines mäandernden Traums, einer tagtraumhaften Sehnsucht.

Farbe
Für die aussergewöhnlich sinnliche Wirkung der Bilder sind die dünnflüssigen Farbverläufe verantwortlich, ihre matten Oberflächen, ihre materielle und polychrome Präsenz, die keine naturalistische Abbildhaftigkeit verfolgt. Im Gegenteil: Polychromie entsteht an Orten, wo es in der Natur keine solche gibt. Die Farben Doigs sind Transmitter zwischen dem Auge des Publikums und einer Wirklichkeit hinter dem Anschein der Wirklichkeit, die sich mit Vergangenheit und einer undefinierbaren, archaischen Sehnsucht nach Auflösung verbindet. Im Original wirken die Bilder weniger knallig und somit weniger plakativ als auf Abbildungen oder (hinterleuchteten) Bildschirmen. Die Farbigkeit besitzt durch ihre milchigen Schlieren den Charme eines ungreifbaren Nebels, der sich in Abbildungen kaum reproduzieren lässt.

Reise
Der Künstler geht typischerweise von Fotos oder Videostills aus und gelangt zu seinen Bildfindungen durch ein collageartiges Verfahren, wobei die Abweichung von der Vorlage, die Neuerfindung während des Malprozesses entscheidend ist. «Painting is always a journey»1 ist ein charakteristisches Statement des Künstlers, das vieles offen lässt und gleichzeitig den Betrachtenden nahelegt, sich ebenfalls auf die Reise ins Unbekannte zu begeben. Und wenn Doig hinzufügt: «Making the painting, I react on making»2, wird klar, dass die Reise selbst für den Künstler in ein fremdes Gebiet geht, wo Intuition, Irrationalität und Unvorhersehbarkeit die entscheidenden Parameter sind. Doch die Arbeit an einem Bild kann sich längere Zeit ausdehnen, bis hin zum Stillstand, so dass er es beiseitelegt und erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorholt, um weiterzuarbeiten. So erklären sich Entstehungszeiträume von mehreren Jahren.
Erstmals wird in der Ausstellung in der Fondation Beyeler auch Doigs Bildarchiv gezeigt, das interessante Einblicke in seine Wahrnehmung erlaubt. Die meisten der schnappschussartigen Fotos zeigen banale, alltägliche Situationen, die Verlassenheit und Vergänglichkeit implizieren. Was sichtbar erhalten blieb, sind vage Spuren einstigen Lebens. Hierzu passen auch vereinsamte Personen, die ebenso beiläufig wie zufällig im Strassenbild liegen, sozusagen zur Dinghaftigkeit geschrumpft. Farbverläufe an Hauswänden, Witterungseinflüsse, polychrom geschmückte Strassen, aber auch Atelieraufnahmen mit Bildern im Entstehungsprozess stellen wiederkehrende Motive dar. Einige der Fotografien sind als Vorlagen für Bilder identifizierbar, wobei diese hinsichtlich Farbigkeit, Kontrast und ornamentaler Wirkung die Fotografien deutlich übertreffen. Nach seiner Arbeit im Atelier befragt, meint Doig lapidar: «The majority of studiowork is not painting. It's a good place to go.»3 Gern hätte man am Artist Talk mit Richard Shiff mehr zu Inhalten und Wirkungen erfahren, jedoch standen vor allem die Entstehungsumstände seiner Bilder im Zentrum. Es mag aber auch daran liegen, dass sich der Künstler mit Statements zu seiner Malerei auffallend bedeckt hält.

Nomade
Viel wurde und wird über den Einfluss des nomadischen Lebens des Künstlers auf seine Malerei geschrieben. Ein Jahr nach seiner Geburt zogen die Eltern von Edinburgh nach Trinidad in die Karibik, wo Doig frühe Kindheitsjahre verbrachte. 1966 erfolgte ein Umzug nach Kanada und 1979 ein weiterer nach London. Seit 2002 lebt ­Doig mit seiner Familie wieder in Trinidad. Natürlich ist der Einfluss der karibischen und kanadischen Landschaften auf die grossformatigen Bilder nicht von der Hand zu weisen, ihre Exotik auf der einen, ihre einsame Wildnis auf der anderen Seite. Doig schöpft seine Motive aus diesen persönlichen Begegnungen in und mit der Landschaft. Allerdings interessiert er sich nicht für vedutenhafte Abbildungen, auch wenn einzelne Bildmotive auf tatsächlich existierende Landmarken zurückgehen, wie beispielsweise die Gefängnisinsel von Trinidad in ‹100 Years Ago (Carrera)›. Ebenso sind gewisse Nachbarschaften zur Malerei von Edvard Munch, Paul Gauguin oder Pierre Bonnard nicht zu übersehen. Doch die Bedeutung der Bilder ebenso wie ihr erstaunlicher Erfolg bei ­einem relativ breiten Publikum liegt darin, dass die Betrachtenden mühelos und sanft in der teils märchenhaften, teils traumwandlerischen Natur versinken können. Es sind stille Bilder, die eine in der zeitgenössischen Malerei eher seltene breitenwirksame Zugänglichkeit aufweisen und mit ihrer unaufgeregten Kontemplation und ihrer ­mäandrierenden Berührung des Vergangenen einer romantischen Bildauffassung folgen. Ob sich besagte Insel in Trinidad befindet, ob es sich um eine Gefängnisinsel handelt, ist für die Bildwirkung nicht entscheidend. Sie ist als Chiffre für Sehnsucht global verständlich. Es entspricht dem gut getarnten Humor Peter Doigs, dass sich ausgerechnet ein Ort der Gefangenschaft zu einem solchen der Sehnsucht wandelt.

Magie
Auf die Frage, ob man seine Malerei als «Magischen Realismus» bezeichnen könne, wie vielfach formuliert, winkt Peter Doig gelassen ab und entgegnet, dass ihm dieser Begriff zu «disneylike»4 scheine. Davon abgesehen, dass es sich bei dieser Bezeichnung um eine Variante der «Neuen Sachlichkeit» der Zwanzigerjahre handelt, also um einen definierten Stilbegriff, führt die Suche nach schablonenhaften Etiketten nicht viel weiter. Wer sich Zeit vor den Originalen nimmt, ihnen gewissermassen «zuhört», wird eine reiche, bisweilen kaleidoskopartig schillernde Bildwirklichkeit aufspüren, die Vorstellungs- und Erinnerungsräume öffnet und miteinander verschränkt. Wenn die Bilder Doigs auf Auktionen mittlerweile zweistellige Millionenbeträge erreichen, ist dies eine absurde Verwerfung des Kunstmarkts und steht in keinem Verhältnis zu den Arbeiten. Diese Preise sind weder Beleg für die Qualität der Bilder, noch können sie als Argument für deren Kommerzialität gelesen werden. Ob und wenn ja, mit welcher Prägnanz die Bilder in zwanzig Jahren für ihre Entstehungszeit sprechen, entscheidet nicht der Markt, sondern die Zeit. Ihre leicht zugängliche Ästhetik kann, muss aber nicht ein Signal für kurze «Haltbarkeit» sein.
Markus Stegmann, Kunsthistoriker und Autor, Basel, www.markusstegmann.ch

1 Peter Doig im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Richard Shiff, Fondation Beyeler, Riehen, 23.11.2014
2 Peter Doig, ebd.
3 Peter Doig, ebd.
4 Peter Doig an der Medienkonferenz, Fondation Beyeler, Riehen, 21.11.2014


Publikation zur Ausstellung: Ulf Küster (Hrsg.), Peter Doig, Fondation Beyeler, Riehen 2014, mit Künstlergespräch von Ulf Küster und Text von Richard Shiff; nächste Station der Ausstellung: Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek

Peter Doig (* 1959, Edinburgh), lebt in Trinidad, London und New York
Seit 2005 Professur an der Kunstakademie Düsseldorf

Einzelausstellungen (Auswahl)
1991 Whitechapel Gallery, London
1998 Kunsthalle Kiel; Kunsthalle Nürnberg; Whitechapel Gallery, London
1999 Kunsthaus Glarus
2000 Saint Louis Art Museum
2001 National Gallery of Canada, Ottawa
2003 Bonnefantenmuseum, Maastricht
2004 Pinakothek der Moderne, München; Kestnergesellschaft Hannover
2005 Museum Ludwig, Köln; Kunsthalle Zürich
2006 Museum der Bildenden Künste Leipzig
2008 Tate Britain, London; Schirn Kunsthalle, Frankfurt/M
2013 Montreal Museum of Fine Arts
2015 Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Peter Doig [23.11.14-22.03.15]
Institutionen Fondation Beyeler [Basel/Riehen/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Peter Doig
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