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Fokus
1/2.2015


 Grelle Farben und ein reduziertes Formenvokabular kennzeichnen die grossformatigen Arbeiten von Nicolas Party. Zu sehen sind klassische Motive wie Doppelporträts, Landschaften und Stillleben, die auf den ersten Blick zu einer schnellen Wahrnehmung verführen. Oberflächliche Kunst? - Nicht unbedingt, aber die Oberfläche und ihre Gestaltung mit malerischen Mitteln sind ein wiederkehrendes Thema des Künstlers aus der Romandie. Eine Auswahl seiner neuen Pastelle, ortspezifischen Wandarbeiten und bemalten Sockeln sind Teil einer Einzelausstellung im Westfälischen Kunstverein in Münster.


Nicolas Party - Konzept-Bilder und Interventionen


von: Cynthia Krell

  
links: Trunks and Faces, 2014, Installationsansicht Westfälischer Kunstverein. Foto: Thorsten Arendt
rechts: Decorative Graffiti, 2014, Sprühfarbe. Foto: Thorsten Arendt


Ein klassisches Bruststück mit zwei männlichen Personen als Doppelbildnis, die frontal vor einem taubenblauen Hintergrund platziert sind. Beide Figuren tragen ­einen Pullover - Mintgrün trifft auf Kanarienvogel-Gelb -, stilvoll begrenzt von einem weissen Hemdkragen. Weitere Ähnlichkeiten weisen die beiden Personen hinsichtlich ihres massiven Körperbaus, ihrer maskenähnlichen Physiognomie und Seitenscheitel-Frisuren auf. Im Grunde könnte es sich auch um eine Zwillingsdarstellung handeln. Ausschliesslich in den Gesichtern wurde mittels hellerer und dunklerer Partien etwas Körperlichkeit und Stofflichkeit erzeugt. Besonders irritierend wirken die weit aufgerissenen Augen mit der im Weiss schwimmenden Iris - ein untoter, vielleicht auch hypnotischer Blick ins Leere?

Oberflächen und All-Over-Malerei
Die grossformatige Pastellzeichnung auf Leinwand aus der Werkserie ‹Portraits›, 2014, von Nicolas Party wird - sehr untypisch für seine Inszenierungen - auf ­einer weissen Wand präsentiert. In all diesen Doppelporträts treten nur Männer unbestimmbaren Alters vor einem monochromen Hintergrund auf, die uns mit ihren grellfarbigen Pullovern und versteinerten Make-up-Gesichtern im Halbprofil keine Auskunft über ihren Kontext geben. Einige Köpfe tauchen gleich in mehreren Doppelbildnissen auf. Insbesondere die Gesichter zeigen keine individuellen, menschenähnlichen Züge, sondern erinnern stark an geschminkte antike Skulpturen, wie sie auch Hans-Peter Feldmann mit seinen bemalten Gipsskulpturen realisierte. Dieser Eindruck wird durch die Farbintensität und grossflächige, gewischte Malweise der Pastellkreide verstärkt. Der Künstler ignoriert die eigentliche Funktion eines Porträts und nutzt das Genre als kunsthistorischen Container für seine Repräsentationen von Menschen. Mitte 2013 wandte sich Nicolas Party von der Ölmalerei ab und begann, mit der Pastellkreide zu experimentieren. So entstanden in diesem Jahr die prototypischen Vorgänger - Einzelporträts von Männern in einer sehr ähnlichen Darstellungsweise, die 2014 in der Zürcher Galerie Gregor Staiger zu sehen waren. Über seine männlichen Protagonisten sagt der Künstler: «Wenn ich diese Männer male, dann weiss ich nicht genau, was im Grunde vor sich geht. Vielleicht sind sie ein Porträt meiner selbst... Für mich ist es eindeutig komplexer, als wenn ich eine Frau malen würde. Ich weiss wirklich nicht, wer sie sind».
Party folgt sehr stringent einer inneren Werklogik, er bezieht sich im Kern immer wieder auf die Malerei und ihre Geschichte, offenbart aber auch ein Interesse an kollaborativen Arbeitsformen und Fragen der Inszenierung. Bereits zwei Jahre nach Abschluss des Studiums an der Kunsthochschule in Lausanne gründete er zusammen mit Stéphane Devidal und Charlotte Herzig das Künstler-Kollektiv BLAKAM, das sowohl künstlerische als auch kuratorische Projekte realisierte. Das anschliessende Studium an der Glasgow School of Art prägte sein weiteres Werk und führte zu einer Vertiefung in Richtung Malerei als Erzählraum. Seine malerische Praxis reicht von kleinen Aquarellen über Wandmalereien, vergrösserte, ihrem ursprünglichen Zweck entzogene Objekte und ganze Wände bedeckende Kompositionen aus Kohlezeichnungen bis hin zu Stillleben auf Leinwand. Insbesondere mit seinen poppigen Inszenierungen und tapetenartigen Wandmustern realisiert er oftmals ein visuell überfrachtetes Bild-Raum-Publikum-Gefüge, welches die Grenzen der Wahrnehmung und die Konventionen der Kunstausstellung auslotet. Ein Beispiel für eine dekorative Überinszenierung der eigenen Werke mit Mitteln der Malerei war die Einzelausstellung ‹Still Life Oil Paintings and Landscape Watercolours›, 2013, in The Modern Institute in Glasgow.
Für die Ausstellung in Münster entwickelte er die bestehenden Werkserien ‹Landscape› und ‹Still Life›, beide 2014, weiter, indem er die Anzahl der abgebildeten Gegenstände reduzierte. So zeigen die grossformatigen Pastell-Arbeiten ‹Trees› farbige, abgerundete Stangen mit kahlen, blätterlosen Ästen. Der Bildraum ohne jegliche ­Tiefe wird ähnlich wie bei Giorgio Morandis Stillleben durch zwei verschiedene Farbflächen räumlich angedeutet. Der Schattenwurf der Stangen-Bäume hört jedoch abrupt an der Horizontlinie auf, sodass die gemalte Bühne für die Landschaftskulisse mit malerischen Mitteln unsere Wahrnehmung zu täuschen versucht. Der Künstler wendet einen einfachen Trick an, führt die Malerei auf ihre illusionistische Funktion zurück. Dies trifft auch auf die immersive Kohle-Wandmalerei mit dem Titel ‹Trees at the back›, 2014, zu. Man findet sich mitten in einem Wald wieder, umringt von ­unzähligen, kahlen Baumstämmen mit phallisch abstehenden Extremitäten. Für ­Verwirrung sorgt sowohl das Spiel mit falschen Schattenwürfen und Perspektiven als auch das dort platzierte Teekannen-Porträt.
Das Prinzip der ornamentalen Oberflächen und All-Over-Bemalung ist kennzeichnend für das Werk von Nicolas Party. Er hat bisher nicht nur Leinwände und Papier bemalt, sondern auch Mauern, Wände, Fenster, Türen, Möbel, Steine, Sockel und Geschirr. Für den Westfälischen Kunstverein hat er in mehrfacher Art und Weise einen architektonischen Eingriff vorgenommen.
Schon von Weitem lässt sich Partys Intervention ‹Decorative Graffiti›, 2014, an den über Eck verlaufenden Fensterscheiben des Kunstvereins in einem vorgesetzten Gebäudeteil des neu errichteten LWL-Museums erkennen. Die Fensterfassade wurde während einer zwei Tage dauernden Intervention mit einem Muster aus schwarzen und weissen Streifen besprüht, das in kleinen Rinnsalen nach unten verläuft. Dazu sagt Party: «Ich dachte, ausgehend von der grossen Fensterfassade, die Teil einer monumentalen Kunsttempel-Architektur ist, mache ich einfach ein Graffito. Es sollte aggressiv und dekorativ zugleich sein. Dann wäre es als Ornament sehr leicht erkennbar und die vorbeigehenden Leute wäre nicht alle schockiert - vielleicht würden sie kurz den Atem anhalten... Und das Graffito stellt eine Verbindung zwischen dem Aussen und dem Innen her, der Stadt und der Institution/dem Ausstellungsraum.» Je nach Sonneneinstrahlung werfen die Drippings ein entsprechendes Muster auf den Boden und wiederholen sich als Wandbild im Foyer des Kunstvereins. Dort dient dieses als dekorativer Untergrund für ein Teekannen-Porträt aus der Serie ‹Pot›, 2014.

Dekoration, Graffiti, Elefanten

Ein weiterer humorvoller Eingriff ist ebenfalls nicht zu übersehen, denn vor und in der White-Cube-Ausstellung präsentieren überdimensionierte Elefanten auf überlangen Beinen ihr Hinterteil. Wie bereits in ‹Dinner for 24 Elephants›, 2011, bemalte Party hier quadratische Wandpfeiler. Diese wandhohen Elemente übernehmen im monumentalen Ausstellungsraum eine zugleich gliedernde und dekorative Funktion. «Im Grunde geht es auch um den Raum, weil dieser so seriös und monumental wirkt, und es keinen Humor in dieser Architektur gibt... Vielleicht können die Elefanten dem Raum etwas von der spürbaren Ernsthaftigkeit nehmen», erläutert der Künstler.
Dass Partys Werk zuweilen als plakativ und dekorativ bewertet wird, liegt durchaus im Interesse des Künstlers. Seine figurativen malerischen Motive verführen uns mit ihren poppigen Farbakzenten und reduzierten Formen und lassen uns so in eine ästhetische Falle der Harmlosigkeit tappen. Erst auf den zweiten Blick schleichen sich Irritationen und Wahrnehmungsverschiebungen ein, zeigt sich, dass der Künstler mit den einfachsten malerischen Gestaltungsmitteln wie Farbe, Form und Oberflächen dem Illusionären entgegenwirkt. Seine Konzept-Bilder, Interventionen und Inszenierungen entlarven unsere Sehgewohnheiten, unsere Erwartungen an künstlerische Werke. Wer sich aus der Falle befreien kann, entdeckt möglicherweise ein referenzreiches und humorvolles Werk. Die nächste Gelegenheit bietet sich im Pariser Centre Culturel Suisse, wo Party das Motiv einer weiblichen Aktdarstellung des Künstlers Félix Vallotton in Form eines raumgreifenden Wandbildes vervielfachen und mit fünf Steinfelsen-Landschaften in Pastell kombinieren wird.
Cynthia Krell, Kunstkritikerin und Kunstvermittlerin, lebt in Bielefeld. cynthia_krell@gmx.de

Alle Zitate stammen aus einem Gespräch mit dem Künstler in Münster am 9.11.2014.

Bis: 15.02.2015


Nicolas Party (*1980, Lausanne) lebt in Brüssel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 Centre Culturel Suisse, Paris
2014 Westfälischer Kunstverein, Münster; Kunsthall Stavanger, Norwegen; Gregor Staiger, Zürich; David Dale Gallery, Glasgow
2013 The Modern Institute, Osborne Street, Glasgow; Davel 14, Cully; Kaufmann Repetto, Mailand
2012 Salon 94 Freemans, New York; Gregor Staiger, Zürich, Swiss Institute, New York
2011 Doll Espace D'art Contemporain, Lausanne; Remap 3, Athen; The Modern Institute, Glasgow; The Woodmill, London

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2014 Kumu Art Museum, Tallinn; Natalia Hug Gallery, Köln
2013 Neues Museum, Nürnberg; Glasgow Print Studio, Glasgow; Museum Folkwang, Essen; Bonner Kunstverein, Bonn; The Bothy Project at the Walled Garden, Glasgow
2012 Dovecot Studios, Edinburg; Gregor Staiger, Zürich; R4, Paris; The Duchy Gallery, Glasgow
2011 Eastside Projects, Birmingham; Travelling Gallery, Edinburg; The Royal Standard, Liverpool



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Nicolas Party [16.01.15-15.02.15]
Ausstellungen Nicolas Party [08.11.14-18.01.15]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Institutionen Westfälischer Kunstverein [Münster/Deutschland]
Autor/in Cynthia Krell
Künstler/in Nicolas Party
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