Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Ansichten
1/2.2015


 Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch findet aktuell besonders viel Beachtung - die 1915 erstmals ausgestellte Ikone wird hundert Jahre alt. Ein wichtiger Geburtstag, denn praktisch zeitgleich wurde damals an so unterschiedlichen Orten wie Paris und Moskau die Abstraktion erfunden.


Ansichten - «Das» schwarze Quadrat?


  
Bildtafel aus: Robert Fludd, Metaphysik und Natur- und Kunstgeschichte beider Welten, nämlich des Makro- und des Mikrokosmos, Oppenheim 1617.


Genau genommen müsste man von der Geburtsstunde der gegenstandslosen Malerei sprechen. Aber wer hätte gedacht, dass es einen wichtigen Vorläufer gegeben hat? Als mir die Wiener Künstlerin Nives Widauer erzählte, dass der britische Arzt Robert Fludd bereits im 17. Jahrhundert ein schwarzes Quadrat gemalt hat, fiel ich aus allen Wolken: Davon war in meinem Kunstgeschichtsstudium nie die Rede gewesen. Dabei genügt heute eine kurze Internetrecherche, um mehr darüber zu erfahren.
Dass Robert Fludd, ein Zeitgenosse William Shakespeares, sich als Arzt und ­Naturgelehrter nicht im Feld der Kunst bewegte, mag eine Erklärung dafür sein, dass er lange nicht im Blickfeld kunsthistorischer Betrachtungen lag. So dürfen Kunsthistoriker/innen glücklicherweise immer wieder von Kunstschaffenden lernen, die wie Nives Widauer das disziplinübergreifende Forschen für ihre eigene Arbeit nicht scheuen. Fludd hat sein «schwarzes Quadrat» erstmals 1617 in seiner Schrift ‹Utriusque Cosmi Maioris scilicet et Minoris Metaphysica, Physica, atque Technica Historia› (The Metaphysical, Physical, and Technical History of the Two Worlds, Namely the Greater and the Lesser) reproduziert. Die Illustration stellt die Finsternis vor der Weltschöpfung dar. Es handelt sich also nicht um einen abstrahierten Himmel, sondern - wie bei Malewitsch - um den Versuch, das Gegenstandslose darzustellen. Faszinierendes Detail ist die auf allen Seiten angebrachte lateinische Inschrift «Et sic in infinitu», die mit «Und so in Ewigkeit» übersetzt werden kann.
Überraschende Koinzidenz war, dass ich ungefähr zum selben Zeitpunkt, als ich Fludds schwarzem Quadrat begegnete, anlässlich der diesjährigen Max-Frisch-Preisverleihung an Robert Menasse, von dem mir bisher unbekannten Vortrag von Max Frisch ‹Das Schwarze Quadrat› erfuhr, den dieser 1981 in New York gehalten hat und der 2008 erschienen ist. Nachdem ich mir den Text unverzüglich besorgt hatte, war ich von folgender Aussage ganz benommen: Auf die Frage hin, warum Malewitschs Schwarzes Quadrat so lange nicht in der Eremitage hängen durfte, bekommen wir zur Antwort «[...] das Volk könnte nicht verstehen, wozu dieses schwarze Quadrat, aber es würde sehen, dass es noch etwas anderes gibt als die Gesellschaft und den Staat. Dass es noch etwas anderes gibt. Das ist die Irritation. Kunst als Gegen-Position zur Macht.» Diese Beispiele haben mich auf so wunderbar poetische, weil zufällige Weise wieder daran erinnert: Kunstkritik beginnt nicht erst in ihrer Artikulation, sondern bereits in ihrer Betrachtung.
Cathérine Hug ist seit 2013 Kuratorin am Kunsthaus Zürich. catherine.hug@kunsthaus.ch



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2015
Autor/in Cathérine Hug
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=15010517445661A-4
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.