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Besprechung
1/2.2015


Miriam Wiesel :  Beim Blick auf die gemalten Regale und beschrifteten Behälter könnte man die aktuelle Ausstellung des Zürcher Malers Christoph Hänsli, seine zweite Einzelpräsentation bei Jörg Judin in Berlin, unter dem Aspekt der Ordnung betrachten - oder dem der inneren und äusseren Orientierung.


Berlin : Christoph Hänsli - Stollen


  
Christoph Hänsli · L'armoire dans la remise, 2012, Acryl auf Baumwolle, 220x140 cm ©ProLitteris


Schilder, gestickt oder gemalt. Hier befindet man sich, ‹Stollen X›, da lang geht es zur ‹Beratung›, ab hier gibt es kein Zurück mehr: ‹No way back›. Dargestellt sind Mittel, um sich in der Welt zurechtzufinden und Dingen einen Platz zuzuweisen. Sicher hat Christoph Hänsli (*1963, Zürich) seine Motive schon früher aus sonst wenig beachteten thematischen Zusammenhängen gegriffen, er hat Geschirrtücher, ungemachte Betten, volle und angetrunkene Biergläser oder eine aufgeschnittene Wurst gemalt. 166 hauchdünne Scheiben von beiden Seiten, also 332 Mal. ‹Mortadella›, dieses fast schon obsessiv zu nennende, malerisch-konzeptuelle Werk, wurde 2012 in der Galerie gezeigt, begleitet von einem umfangreichen Katalog mit einem Text des befreundeten Autors John Berger. Die Bilder zeigten ein «Drama», heisst es darin, «das in jedem Quadratzentimeter gegenwärtig», aber unsichtbar sei.
Gilt das auch für die ordentlich gestapelten Kartonboxen? Handbeschriebene, nach Titeln und Sprachen sortierte Schachteln zeigen, wo und wie John Berger seine Belegexemplare verwahrt, verraten aber nichts über die darin enthaltenen Gedanken. Sind es Dramen, wie sie in dem aus tief empfundenem Dank gestickten «Maria hat geholfen» sprechen, auch wenn sich über die Hilfe nur spekulieren lässt? Nicht nur diese kleine Malerei, Acryl auf Baumwolle, hat mimetische Kraft. Auch hier entsteht der Eindruck, man habe es mit einem Realitätsfragment zu tun, kommen doch Dargestelltes und Bildträger zur Deckung. So ist die ‹Lüftungsabdeckung› so selbstverständlich oben an der Galeriewand platziert, als gehöre sie dort hin. Irritierend wirkt die Arbeit ‹Ofen Krematorium Nordheim›, 2012, die eine schwarze tunnelartige Form auf jadegrünem Grund zeigt. Wäre das Grün nicht durch wenige Linien als Fliesenwand erkennbar, bliebe das Gemälde abstraktes Sinnbild eines endgültigen Übergangs. Ähnlich fatal wie der Knopf mit dem Schild ‹All off›, auch wenn es sich dabei nur um den Ausschnitt eines Armaturenbretts eines Oldtimers handelt.
Die titelgebende Arbeit, ‹Stollen X›, hingegen zeigt ein mit Schrauben befestigtes kleines Schild vor grauer Wand. Im Gotthardmassiv bauten sich die Schweizer/innen im Zweiten Weltkrieg einen Rückzugsort. Eingemauert und mit Vorräten versorgt, sollte in diesem ausgedehnten Tunnelsystem ein Teil der Bevölkerung ausharren können und so einem Angriff von aussen widerstehen. Dinge zu ordnen und Vorsorge zu treffen, ist auch ein Glaube an die Beherrschbarkeit.

Bis: 10.01.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Christoph Hänsli [14.11.14-10.01.15]
Institutionen Galerie Judin [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Christoph Hänsli
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