Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2015


Cynthia Krell :  Wie und an welchen Orten verwaltet die säkulare Gesellschaft ihr immaterielles und virtuelles Erbe und damit auch ihre Zukunft? Mit dieser Fragestellung hat sich der Westschweizer Yann Mingard beschäftigt und fotografische Antworten konstruiert - zwischen Sachlichkeit und post-apokalyptischer Fiktion.


Essen : Yann Mingard - Deposit


  
Yann Mingard · Institut für die Optimierung tropischer Pflanzen, Katholische Universität Leuven, Belgien, 2010, In-vitro-Kultivierung von Bananenpflanzen über einen Zeitraum von 30 bis 45 Tagen, Inkjet-Print, 42x33,2 cm


Agribusiness, Ethik, Kryonik, Samenspendersteckbrief, Transhumanismus. Diese und weitere Begriffe stimmten in Form einer alphabetischen Auflistung im Eingangsbereich auf die Thematik der Einzelausstellung Yann Mingards (*1973) ein. Der Künstler widmete sich von 2009 bis 2013 einer mehrjährigen Recherche, wobei er 21 verschiedene Orte besuchte, an denen teilweise im Verborgenen geforscht, klassifiziert, gesammelt und gelagert wird. Denn: Wir sammeln und archivieren heutzutage nicht nur digitale Daten, sondern nach dem Arche-Noah-Prinzip auch menschliche DNA, das Erbgut von Tieren und das Saatgut aller (bisher) existierenden Pflanzen.
Die Ausstellung ist, wie zuvor im Fotomuseum Winterthur, thematisch und räumlich in vier Kapitel eingeteilt: Pflanzen, Tiere, Menschen, Daten. In einer linearen auf Bildmitte gehängten Präsentation konstruieren die unterschiedlich grossen Fotografien ein visuelles Album, das von der Rätselhaftigkeit der oftmals menschenleeren Settings bestimmt wird. Das Bild ‹Laboratory of Tropical Crop Improvement›, 2010, zeigt die In-vitro-Kultivierung einer Bananenpflanze als Bestandteil einer 1100 umfassenden Genmaterial-Sammlung in Leuven. Im Abschnitt «Tiere» wird sehr drastisch die Kastration an einem jungen Hengst als Momentaufnahme eingefroren. Das Interieur ‹Cryos International›, 2010, im Kapitel «Mensch» offenbart einen Warteraum für männliche Spender einer privaten Samenbank in Aarhus. Das Motiv des leeren Korridors und verschlossener Türen von unterirdischen, hochsicheren Rechenzentren wiederholt sich in mehreren Fotografien, so entstanden auch Aufnahmen im Militärbunker «Mount10», bekannt als «Schweizer Fort Knox» in Saanen-Gstaad. Mingards sachlich inszenierte Dokumentation zeigt nicht nur gegenwärtige Umgangsweisen mit unserem materiellen und virtuellen Erbe, sondern offenbart qua Medium die ­Dialektik wissenschaftlichen Fortschritts und technologischer Errungenschaften.
Etwas verloren und didaktisch wirkt das vom Künstler kuratierte Mini-Kabinett mit über zwanzig Pflanzen- und Tierdarstellungen aus dem Museumsbestand neusachlicher Fotografie der Zwanziger- und Dreissigerjahre. Zusätzlich gibt es eine Auftragskomposition von Ben Frost zu hören, die jedoch nicht direkt mit den Bildern interagiert. Insgesamt besticht Mingards Projekt aufgrund seiner biopolitischen Aktualität und Tiefendimension der aufgeworfenen Fragen, die im Ausstellungstitel ‹Deposit› als Bodensatz übrig bleiben.

Bis: 18.01.2015



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Yann Mingard [11.10.14-18.01.15]
Institutionen Museum Folkwang [Essen/Deutschland]
Autor/in Cynthia Krell
Künstler/in Yann Mingard
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=15010521304563N-11
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.