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Besprechung
1/2.2015


Katharina Holderegger Rossier :  Der Vierzigjährige Harold Bouvard ist zurzeit der älteste Schüler an der HEAD in Genf. In seiner ersten musealen Einzelschau im CAN beruft sich der in der alternativen Szene zur Kunst gekommene Tischler indes auf die Steinzeit, um ein radikales, instinktgesteuertes Schaffen für sich einzufordern.


Neuchâtel : Harold Bouvard - Vertreter einer aussterbenden Gattung?


  
Harold Bouvard · Amateur de Mammouth, 2014, Ausstellungsansicht Centre d'art Neuchâtel. Foto: Anton Satus


Die Ecole des Beaux-Arts Genf, die Vorläuferin der HEAD, bot lange den einzigen künstlerischen Studiengang in der Schweiz. Dieses Fehlen von Ausbildungsstätten prägte vielleicht noch stärker als die vielbeschworene helvetische Enge «diese bestimmte Art von Kreativität... als freischwebendes Tun... voll inneren Atems», die Harald Szeemann in seiner legendären Ausstellung ‹Visionäre Schweiz› 1991 feierte. Schleift jetzt jedoch die allgemeine Etablierung von Kunstakade­mien die bisherige «Kontinuität einzelgängerischer Leistungen»? Und hemmt die zunehmende Macht dieser Institutionen auch die notabene vom Surrealismus beförderte Offenheit gegenüber freien «Phantasieexplosionen»? Die HEAD führt heute nicht nur ein eigenes kuratorisches Institut (im früheren Off Space Attitudes) und kollaboriert an unzähligen Ausstellungen hors les murs. Seit 2012 vergibt sie sogar ­einen Abschlusspreis, der mit einer Galeriepremiere verbunden ist. Ja, wie sieht so die Zukunft des vielbewschworenen Anarchismus der schweizerischen Kunst aus? ‹Amateur de Mammouth›, die erste grössere Einzelschau von Harold Bouvard, stellt solche Fragen eindringlich, indem er sich als Künstler - bisher noch ohne MFA - als Autodidakt inszeniert.
Schwungvoll führt sie von intimen Nippes zu exorbitanten Gesten. Alpin wirkende Schnitzereien von Genitalien und erotisch suggestiven Pflanzen auf verzogenen Gestellen und geborstenen Tischen gehen nahtlos über in eine überbordende Zahl an Brancusi, Arp und Schwitters andockende Wand- und Bodenplastiken aus vielfältigst bearbeitetem, laminiertem und lackiertem Holz. Signalartige Gouachen mit Stammeskunstmotiven leiten über zu aus Bäumen herausgefrästen Sesselgruppen und Totenkopfleuchten. Und schliesslich rollen sich von der Decke aneinandergenähte Sitzbankbezüge - abgerieben von Tausenden von Gesässen - wie eine Zunge zu der Kohlezeichnung eines Mammuts in Lebensgrösse aus. Fast verspürt man den Drang, sein E-Device an Lautsprecher zu hängen und die hier gezeigte, jede Disziplin- und Stilgrenze überschreitende Kunst nicht einfach nur zu seiner Lieblingsmusik abzuschreiten, sondern die libidinösen Impulse wie einst in der Höhle wild, rau und schön mitzutanzen. Hoffen wir, dass die akademische Ausbildung Bouvard nun einzig dazu beflügeln wird, sein enormes Wissen noch stärker nach aussen zu tragen, ohne dass sein Kunstschaffen hausbacken wird, wenn es sich nicht mehr im rein autodiaktischen, fortwährenden und genussvollen Machen konstituiert.

Bis: 15.02.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Harold Bouvard [29.11.14-15.02.15]
Institutionen CAN Centre d'Art [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Harold Bouvard
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