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Besprechung
1/2.2015


Hans-Dieter Fronz :  Miriam Cahn ist die neue Trägerin des Oberrheinischen Kunstpreises der Stadt Offenburg in Südbaden. Neben € 10'000 Preisgeld und einem Katalog ist mit der Auszeichnung eine Ausstellung in der Städtischen Galerie verbunden. Die Schweizerin hat sie zu einer, so der Titel, ‹bestandesaufnahme› genutzt.


Offenburg, Aarau : Miriam Cahn - Verarbeitungen


  
Miriam Cahn · zitat, 2014, Scan auf Papier, 27x16 cm


Nach der Berlinerin Corinne Wasmuht ist die documenta-Teilnehmerin Miriam Cahn (*1949, Basel) die zweite Trägerin des im dreijährigen Turnus vergebenen Preises. Ihre Ausstellung hat sie nicht nur bis ins kleinste Detail konzipiert. Sie hat die Bilder selbst gehängt, die Zeichnungen mit dünnen Nadeln an die Wand gepinnt und etliche skulpturale Arbeiten eigenhändig gelehnt und gelegt. Das Ergebnis ist eine sorgfältig inszenierte visuelle Geisterbahnfahrt, die sich stellenweise zum Horrortrip steigert: ein Parcours der Verwunderung, Verwirrung und Verstörung, in ­jedem Fall eine höchst ungewöhnliche Schau. Es geschieht nicht oft, dass man sich von einer Ausstellung existenziell angerührt fühlt. Hier schon.
Noch vergleichsweise harmlos erscheinen die Scans von Zeichnungen, Gemälden und Fotografien im DIN-A4-Format, die in dichter Folge als an die Wand gepinnter Bilderfries den ersten Raum bespielen. Schon hier freilich mutieren in einem Blumenfoto die vertikalen Blüten zu dämonisch vermummten Gestalten, kippt eine vermeintlich abstrakte Komposition auf den zweiten Blick ins Wärmebild eines Atompilzes. Bekannt ist Cahn für ihre Bilder mit neonbunten Figuren, die an Menschen gemahnen und doch auch wie Wesen von einem anderen Stern erscheinen. Zweifelhaft ist bereits die materielle Beschaffenheit der in allen Farben des Spektrums schillernden Gestalten. Eher denn an Kreaturen aus Fleisch und Blut lassen sie an ätherische Wesen aus farbig schwelendem, unangenehm künstlichem Licht denken. Mit ihrer unförmigen Clownsnase und dem Fischmund zeigen sie einen Zug ins Groteske: Spukgestalten, wie Alpträumen entstiegen. Zu den menschenartigen gesellen sich Tierfiguren - oder Mischwesen zwischen Mensch und Tier. So dämonisch manche wirken: Auch sie - etwa der ‹hund (nach Goya)› - erscheinen bei aller Dämonie verletzlich und nackt, wie zu früh aus dem Mutterleib gerissen. Aggression und Gewalt sind zentrale Themen. Eine Zeichnung heisst ‹kriegsschiff›; andere haben Titel wie ‹atombombe› - oder ‹eichmann in jerusalem›. Etliche sind mit ‹verarbeitung› überschrieben. Im grossen Format entfalten sie ausgedehnte Areale, die an Industrieanlagen mahnen; aber auch an Lager. - Was wird hier verarbeitet? Vielleicht der Mensch - zu Seife? Alles Dunkle dieser Welt tritt in Cahns verstörendem Bilderkosmos als ungreifbare Drohung ans Licht.

Bis: 12.04.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Miriam Cahn [11.11.14-18.01.15]
Ausstellungen Miriam Cahn, Adolf Stäbli, Bertold Stallmach [24.01.15-12.04.15]
Video Video
Institutionen Städtische Galerie [Offenburg/Deutschland]
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Hans-Dieter Fronz
Künstler/in Miriam Cahn
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