Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2015


Deborah Keller :  In ihrer Ausstellung im Kunstmuseum St.Gallen wirft Alicja Kwade neues Licht auf unser Verständnis von Zeit und Raum. Getrieben von staunender Neugier fragt sie danach, wie wir Gewissheit über unsere Welt erlangen - und nicht selten gerät ebendiese Gewissheit dabei ins Wanken.


St. Gallen : Alicja Kwade - Glanz und Dröhnen


  
links: Alicja Kwade · Nach Osten, 2014, Installationsansicht Kunstmuseum St.Gallen, Courtesy Johann König, Berlin. Foto: Stefan Rohner
rechts: Alicja Kwade · Transstellarer Handel und übliche Geschäfte, 2014, Installationsansicht Kunstmuseum St.Gallen. Foto: Stefan Rohner


Zwei Konstanten begleiten den Rundgang durch Alicja Kwades (*1979, Katowice, Polen) Ausstellung: ein rhythmisch «atmendes» Dröhnen und der Glanz der Dinge. Hunderte silbern glänzende Uhrzeiger etwa bilden, appliziert auf die Wand, einen ornamentalen Fries und demonstrieren so eine eigenwillige Form der Raumvermessung. Spiegelglanz strahlt von den Stapeln verschieden beschaffener Metallplatten, die alle an einem bestimmten Tag mit dem jeweiligen Wert von fünf Gramm Gold aufgewogen wurden und die so quasi eine Marktsituation abbilden - in der wir uns selbst spiegeln. Erneut begegnet man dem Glanz in unzähligen Euromünzen, die sich über einen roten Teppich entleeren, was im Gegenzug den emotionalen Wert von Geld visualisiert. Die bildhafte Installation erinnert an den hartnäckig fortlebenden Brauch, Münzen in einen «Wunschbrunnen» zu werfen, um Glück bei Göttern einzufordern, von deren Existenz der Zeitgenosse längst nicht mehr überzeugt ist. Zuletzt schliesslich erstrahlt der Glanz in einer Videoprojektion auf einem silbernen Kreisel, der sich langsam, aber unaufhörlich dreht und nie zum Kippen kommt. Ins Wanken gerät hier höchstens die Gewissheit darüber, was real möglich und was surreal ist.
Die Frage nach dem Wesen unserer (vermeintlichen) «Realität» und danach, wie wir uns ihrer vergewissern, treibt Kwade an. Mit ihrer neugierigen Grundhaltung und mit eindrücklichen visuellen Metaphern für abstrakte Begriffe macht die in Berlin lebende Polin seit einigen Jahren auf sich aufmerksam. Zeit oder der materielle Wert sind Beispiele solcher abstrakter Grössen. Auch in ihrer zweiten musealen Einzelschau hierzulande, kuratiert von Nadia Veronese, bilden diese Themen den roten Faden der meist neuen Arbeiten. Es sind - Pardon - ausgesprochen schöne Objekte und Installationen, die uns unter der Oberfläche ihres Glanzes erstaunen und auch ein bisschen über das grosse Rätsel des Universums erschauern lassen. Denn da ist ja auch noch das Dröhnen. Es stammt aus dem abgedunkelten, räumlichen Zentrum der Schau von einem überdimensionierten Pendel, an dessen Ende eine Glühbirne hängt. Foucault hatte einst pendelnd die Erdrotation bewiesen. Kwade beruft sich hier auf diesen grossen Denker, geht aber buchstäblich in die andere Richtung: Ihr Pendel kreist in der Zeitdauer eines Tages «verkehrt», von Ost nach West. Im dynamischen Schatten der schwingenden Glühbirne wird erneut der schmale Grat zwischen Realem und Surrealem, zwischen Faktischem und Mythischem erhellt.

Bis: 05.02.2015



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Alicja Kwade [22.11.14-15.02.15]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Deborah Keller
Künstler/in Alicja Kwade
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=15010521304563N-16
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.