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Besprechung
1/2.2015


Hans Rudolf Reust :  Gianni Colombo wird heute wieder entdeckt. So in einer kleinen Retrospektive in Zuoz, wo wir seinen ‹spazi elastici›, den zu gewölbten Räumen gedehnten Gitterstrukturen begegnen oder feinen Objekten, die jede ordnende beschreibende Macht im Handumdrehen aus den Fugen geraten lassen.


Zuoz : Gianni Colombo - Elastische Erinnerung


  
Gianni Colombo · Bariestesia, 1974-1975, Holz, Gummi, 78x370x150 cm/98x288x150 cm/98x235x154 cm, Ausstellungsansicht Galleria Monica De Cardenas Zuoz. Foto: Andrea Rossetti


Gianni Colombos (1937-1993) Werke sind Modelle einer Welt, deren Fragen einfach, deren Dimensionen jedoch beliebig gross sein können. Dabei überrascht die überschaubare Dimension der Objekte, ihre perfekte Ausführung, die jeden technischen Aufwand vergessen lässt und sogleich den Zauber der visuellen Verführung ins Spiel bringt. In langsamen Rhythmen gehen statische Konzepte wie der Kubus in Bewegung über, beginnt sich das Quadratraster auf einer Fläche in die dritte Dimension zu dehnen. Die hohe Präzision der Fertigung aus Industriematerialien bestätigt nicht die Konstanz der Dinge, sondern schärft die Wahrnehmung ständiger Abweichungen. Wie Marcel Duchamp in seinen ‹Trois Stoppages étalon›, 1913-14, das feste Metermass durch den Zufall des Fallens in Schwingung versetzte, umspielen in ‹Spazio Curvo›, 1990, zwei übereinander kreisende, leicht verbogene Aluminiumringe die geometrischen Ideen von Kreis und Parallele. Bei ‹Strutturazione Fluida›, 1960, schiebt sich ein feines Stahlband langsam, kaum merklich, in einen Glaskasten und zeichnet dem transparenten Bildgeviert fliessend wechselnde Lineaturen ein. Angetrieben werden die kinetischen Objekte jeweils von einfachen Elektromotoren, die, in einem Sockel versteckt, doch oft von der Seite einsehbar sind und bei näherer Betrachtung die selbstverständliche Eleganz des italienischen Designs ausstrahlen.
In ‹Bariestesia›, 1974-75, laden mehrstufige Podeste zum Auf- und Absteigen ein und erinnern an traditionelle Darstellungen der Lebensalter. Indem die Stufen bei ­einem Objekt in einem spitzen Winkel nach innen geneigt sind, ergibt sich ein leichtes Stürzen nach oben, während das zweite Objekt mit flachem Winkel der Stufen einen gegenläufigen Bewegungsfluss auslöst. Körpererfahrung führt die beiden minimalen Objekte aus ihrer strengen visuellen Gestalt hinaus in eine Sphäre der Performance und der Interaktion.Bei Colombos Spiel mit Formen in Bewegung klingt überraschend auch die Auseinandersetzung von Markus Raetz mit flüchtigen Aspekten der Anamorphose und des Schattenspiels an. Die Nähe der zwei Künstler zeigt die Weite der Möglichkeiten im Feld der Phänomene. Mehr noch als in einzelnen Arbeiten erweist sich ihre Verwandtschaft darin, dass Kunst Modelle grundlegender Erfahrungen mit anderen, möglichen Welten schafft. ‹Modello per Bariestesia›, um 1982, entwirft einen langen Steg aus Stufen unterschiedlicher Neigung, als wäre der Landweg über Wasser ein Gang auf hoher See.

Bis: 04.04.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Gianni Colombo [06.12.14-04.04.15]
Institutionen Monica De Cardenas [Zuoz/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Gianni Colombo
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