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Besprechung
1/2.2015


Madeleine Panchaud de Bottens :  Das Helmhaus zeigt einen aktuellen Einblick in die Zürcher Kunstszene. Dabei erfoschen die beiden Kuratoren der Gruppen­schau, Simon Maurer und Daniel Morgenthaler, das Hier und Jetzt der Zürcher Kunstszene und lassen dabei deutlich werden, dass diese Momentaufnahme nie nur ein Jetzt sein kann.


Zürich : Nie JETZT - Geheimnisvolles Verfliessen von Zeit


  
links: Selina Grüter + Michèle Graf · Seven memories rotating around the sun, 2014 (vorne), Urs Frei · Papierarbeiten, 2014 (hinten), Ausstellungsansicht Helmhaus Zürich
rechts: Monika Stalder · Papierarbeiten, 2014; Blauwal auf 2 Uhr (Video), Ausstellungsansicht Helmhaus Zürich


Kaum bin ich im Helmhaus angekommen, nimmt mich die Kunst gefangen. Besser gesagt, das Licht. Farbiges Licht fällt auf mich und wirft meinen Schatten auf eine projizierte Farbfläche an der Wand. Mein Schatten und ich schreiben eine flüchtige Spur in die künstlerische Arbeit. Zwei Videobeamer projizieren während der Dauer der Schau das ganze Spektrum farbigen Lichts auf die grosse Wand im Foyer und machen so die verfliessende Zeit sichtbar. Dies lässt sich jedoch bei einem einzigen Ausstellungsbesuch nicht wahrnehmen, zu geringfügig sind die Farbveränderungen innert weniger Stunden. Selina Grüter + Michèle Graf, welche die ephemere Arbeit ‹Coming closer and won't close› geschaffen haben, beschäftigen sich mit Phänomenen von Zeitlichkeit, Partizipation, Live-Übertragungen. So haben sie mitten im gros­sen Saal sieben mit Sonnenuntergängen bedruckte Bahnen aus durchscheinendem Polyesterorganza aufgehängt - ‹Seven memories rotating around the sun›. Bei Events mit Freunden, die sie ‹Watch the sunset› nannten, hatten sie die Sunsets aus Buenos Aires, Hongkong und anderen Orten zuvor live nach Zürich übertragen, wo die Sonne zeitgleich noch am Himmel stand oder schon untergegangen war. Im Vorbeigehen erzittern die Sonnen wie Schmetterlingsflügel - Memento mori unserer Zeit.
Urs Frei zeigt eine Gruppe von Arbeiten, die nur für die die Dauer der Ausstellung in dieser Form zu sehen sind. Er wird sie später übermalen, zusammenrollen, vielleicht zerstören. An der Wand hängt eine Serie ehemaliger Lithographien, über die er aus einem Kaffeefilter Farbe geschüttet hat. Sie frisch bedruckt hat. Die gerollten schwarzen und roten Objekte an den Wänden waren vorher Leinwände. Kunst aus der Vergangenheit wirkt so frisch in die Gegenwart transformiert. Meditative Stimmung verströmen die grossformatigen geometrischen Aquarelle von Monika Stalder mit ihren vielfarbigen Rautenteppichen. Viel Zeit ist in die Entstehung dieser flimmernden Arbeiten geflossen - Werke, die uns dem flüchtigen Jetzt geheimnisvollerweise besonders nahe bringen. Catia Costa hinterfragt den Kunstbetrieb mit ihrer mutigen, auf Video gebannten Guerilla-Intervention im Kunsthaus Zürich, während Jessica Poch das Geburtstagskind Peter in der Ausstellung Geburtstag feiern lässt - am Tag danach sieht der Partyraum richtig traurig aus - und Peter ist ein Jahr älter. Kunst ist immer ein Ereignis. Sie ereignet sich zwischen Nie und Jetzt.

Bis: 25.01.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Nie jetzt. Kunst aus Zürich [05.12.14-25.01.15]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Madeleine Panchaud de Bottens
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