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Besprechung
1/2.2015


Alice Henkes :  In seinen faszinierenden Bildern verknüpft Gregor Lanz Motive, Ideen und Assoziationen zu dichten, gedankenreichen Geweben - gleich einer Hefe mit frischen Akzenten. In Zürich ­präsentiert der im solothurnischen Welschenrohr lebende Künstler neue Gemälde und Zeichnungen.


Zürich : Gregor Lanz - Tagesreste


  
Gregor Lanz · Popcorn, 2014, Öl auf Leinwand, 120x60 cm


Das Wasser so glatt wie ein sorgloser Schlaf. Zwei Flaschen tanzen darin. Ein Ballett, sagt Gregor Lanz (*1962). Vielleicht auch eine Flaschenpost. Wasser ist ein wichtiges Element im Werk des gebürtigen Zürchers. Grau und weit füllt es seine Leinwände. Figuren schwimmen und schweben darauf. Wie die Jägerin, die mit dem eigenen Bein wie mit einem Gewehr auf uns zielt. Ein Auge zugekniffen. Fokussiert und exaltiert. Ähnlich wie der Künstler selbst, der stets versucht, Konzentration und Wildheit auszubalancieren, die Energie, die Bewegung des Lebens in seiner Malerei einzufangen. Und dabei vor kreativer Energie überzuströmen scheint. «Was ist wichtig?», fragt er und beginnt sogleich Antworten zu suchen: andere Menschen, Freud und Leid, Natur und Technik. Seine Bilder sind Schatzkästen voller Gedanken, Ideen, Assoziationen und Obsessionen. Das Grosse hat in ihnen ebenso selbstverständlich Raum wie das Kleine, Private: Schokolade, Fleisch, Rauch, Asche, Vergänglichkeit.
‹Tagesreste›, der Titel der Ausstellung, entstammt dem Vokabular der Psychoanalyse und bezeichnet im Traum auftretende Erinnerungen an Erlebnisse des vor­angegangenen Tages. Wie sich im Traum frische und ferne Erinnerungen, Erlebtes und Ersehntes mischen, verbinden sich in seinen Ölbildern und Zeichnungen Motive unterschiedlicher Herkunft: Pressebilder, Gehörtes, eigene Fotos. Eine Pressemeldung über einen Vogelhändler im Irak, der inmitten des Kriegs Vögel verkauft und so Momente der Freude und des Lichts stiftet, inspiriert ihn dazu, seine Bilder mit Vögeln zu bereichern. Er komponiert Landschaften aus verschiedenen Bildern. Manche Zeitungsausschnitte trägt er zwanzig Jahre mit sich herum, bevor er sie malt. Er arbeitet entschlossen und wenn ihm das Bild nicht gefällt, schneidet er die gelungenen Par­tien aus und integriert sie in einen neuen Zusammenhang. Etwas Altes darf dabei sein, sagt Lanz: «Das ist wie die Hefe im Brot.» In seinem Werk verbindet sich diese Hefe mit frischen Akzenten. Über der seltsamen Jägerin schwebt eine pinkfarbene Violine im gedämpftfarbigen Bildgrund. Wie tief die Wasser auch sein mögen, die er malt, und wie zauberhaft der Gesang der Vögel inmitten des Kriegs: Über den betörenden Bildern von Lanz liegt immer ein leichter Schleier. Nicht dass der Künstler sich dahinter versteckte vor der Wirklichkeit und vor drängenden Fragen. Der graue Schleier ist aus der melancholischen Erkenntnis gewoben, dass die Welt ihre ­Geheimnisse dem menschlichen Auge nicht so einfach preisgibt.

Bis: 07.02.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Gregor Lanz [10.01.15-07.02.15]
Institutionen Sylva Denzler [Zürich/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Gregor Lanz
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