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Besprechung
1/2.2015


Philipp Spillmann :  Die junge New Yorker Künstlerin Avery Singer ist bekannt für ­virtuose Verknüpfungen kunsthistorischer Referenzen mit zeitgenössischer Bildproduktion. Mit der Ausstellung ‹Pictures ­Punish Words› in der Kunsthalle Zürich zeigt sie, wie formbar diese Bedeutungszusammenhänge sind.


Zürich : Avery Singer - überformte Referenzen


  
Avery Singer, Pictures Punish Words, 2014, Installationsaufnahmen, Kunsthalle Zürich. Fotos: Annik Wetter


Auf den ersten Blick teilt sich der Saal in zwei Hälften, in denen insgesamt zehn grossformatige Bilder in grosszügigen Abständen hintereinander frei im Raum hängen. Da die Bilder nicht parallel, sondern unregelmässig versetzt angeordnet sind, wird die Sichtfläche durch die relative Position der Bilder vorgegeben. Das Prinzip des bewegten Bildes kehrt sich (zumindest konzeptionell) um: Die Raumwirkung ist das Ergebnis von bewegenden Bildern.
Auch die Bilder selbst errichten Frames, die inhaltliche und formale Zustände in Bewegung versetzen. Zu sehen sind auffällig, teilweise fast affektiert in Szene gesetzte Figuren aus rudimentär kubischen Formen, die in Grautönen mit Airbrush aufgetragen sind. Auffallend ist die Dominanz weiblicher Typologien und die breite Auswahl genretypischer Posen. Die Motive stammen aus unterschiedlichsten Quellen, oft dem Internet. Mit einem Grafikprogramm wurden sie in digitale Vorlagen übersetzt, bzw. genauer: durch sie ersetzt und anschliessend auf die Leinwände gesprüht. Die Körper der Figuren und ihrer Umwelten wirken künstlich und fast so, als ob sie jeden Moment zerfallen könnten. Farbflächen erzeugen Lichtverhältnisse, Raumtiefe und Gegenstände - aber nur so weit, dass zwischen Darstellung und Dargestelltem ein ambivalentes, instabiles Verhältnis entsteht. Beispielsweise fungieren Farbstrukturen stellenweise als Lichtverhältnisse, ohne doch Raumgesetzen zu entsprechen, die sie eher stören und deformieren, wobei sie ihr Eigenleben demonstrieren.
Auch auf semiotischer Ebene lässt Singer vermeintlich festgelegte Zustände kollabieren. So setzt sie etwa unter das Bild einer Frauenfigur mit nacktem Oberkörper den Titel ‹Heidiland›. Neben der gelassenen Körperhaltung, die einen offenen Umgang mit der Nacktheit suggeriert, legt Singer ihrer Protagonistin einen Schnuller in den Mund, der deutlich plastischer geformt ist als alle Körpermerkmale. Der Schnuller (ein typisches Raver-Accessoire der Neunziger) wird zur bildbestimmenden Konstanten, die den Titel ironisch überformt: Pictures Punish Words. Diese inhaltlichen Überformungen setzen den «unterformten» Zustand der Bilder voraus und verdeutlichen, dass alles, was auf ihnen zu sehen ist, Projektionen sind. Die Darstellung schafft keine Inhalte, sondern markiert sie. Ihrem verbindlich konstruktivistischen Ansatz treu, bestätigen die Bilder performativ konsequent, was sie technisch, materiell und konzeptionell schon sind: projizierte Farbflächen.

Bis: 25.01.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Thomas Müllenbach, Avery Singer [22.11.14-25.01.15]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Avery Singer
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