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Besprechung
1/2.2015


Heidi Brunnschweiler :  Wu Tsang, ein Künstler aus Los Angeles, greift in seinen im Migros Museum in Zürich gezeigten Arbeiten ruhig und distanziert Fragen von Geschlechterzuschreibung auf. In seinen Filmen und Installationen stellt er Transgender-Identität als ­fragile Setzung dar, deren kreatives Potenzial es auszuloten gilt.


Zürich : Wu Tsang - What is a normal life?


  
Wu Tsang · Safe Space, 2014, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, Courtesy of Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, and Clifton Benevento, New York


Wu Tsangs Zürcher Präsentation ist wohltuend reduziert. Der offene Parcours lässt viel Raum für gedankliche Entdeckung, was jenen kreativen Grenzraumbetrifft, den Tsangs Arbeiten mit der Transgender-Thematik umkreisen. Man betritt zunächst ein leeres Terrain, das von der Installation ‹Safe Space› begrenzt wird. Die Kiste mit der Neoschrift «The fist is still up», die an eine Theke erinnert und blaues Licht indirekt in den Raum strahlt, spielt auf Gran Furys Aids-Slogan ‹Act Up› von 1987 an. Man denkt an die Welt der Silver Platter Bar in L.A., wo sich die Transgender-Szene trifft und Tsangs Partys stattfinden. Diese Bar ist Spielort des Videos ‹Damelo todo // Odot olemad›, in dem es um Transgender und Immigration geht. Die Arbei wird als Environment mit doppelter Betrachtung gezeigt: Entweder folgt man den suggestiven Bildern auf einer Grossleinwand von aussen ohne Ton oder betrachtet sie mit Kopfhörern auf weinroten Plüschsofas sitzend im Spiegelbild. Ein komplettes Eintauchen wird durch die Holzrahmen auf den Spiegelflächen verhindert.
Im Film ‹For How We Perceived a Life (Take 2)› schafft zunächst das Rattern des Projektors Distanz und Reflexion. Tsangs Arbeit ist eine performative Untersuchung von Jennie Livingstons ‹Paris is Burning› zur «ball culture» der New Yorker Gay- und Transgender-Kreise. «Ball culture» meint u.a. jene Events, bei denen Drags wie Fashion Models auftreten und Geschlechterwechsel inszenieren. Tsang entnimmt diesem Film Interviewpassagen mit berühmten Szeneleuten, die von materieller Armut und geschlechts- und rassenbezogener Diskriminierung, aber auch von ihren Sehnsüchten sprechen. Die von Tang und vier Performern nachgespielten Szenen werden regelmässig unterbrochen, indem sich die Performer u.a. zur kommentierenden Gruppe formieren. Die formulierten Begehren werden dabei als Variante des American Way of Life erkennbar. Gleichzeitig wird Geschlechterzugehörigkeit als komplexe Performance verdeutlicht. Der ambivalente Aspekt des Imaginären wird zudem durch das Setting im Keller und die Schatten, die an Platons Höhle erinnern, betont. ‹Ball culture› ist in Tsangs Arbeit nicht nur kreativer Freiraum für die Erprobung neuer Identitätsformationen, sondern auch sublimierte Realität. Durch die Wechsel von Überwältigung und Distanz, von Komplexität und Reduktion scheint Tsang Identität als fragile Grösse zu begreifen, die stets mit gesellschaftlichen Normen zusammenhängt, gleichzeitig auch kreativen Gestaltungsraum bietet.

Bis: 08.02.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Wu Tsang [22.11.14-08.02.15]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
Künstler/in Wu Tsang
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