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Besprechung
1/2.2015


Markus Stegmann :  Das Kunstmuseum Basel besitzt dank des Amerbach-Kabinetts eine weltweit einzigartige Sammlung von Zeichnungen des ­frühen 16. Jahrhunderts. Neben Arbeiten von Albrecht Dürer zeigt die Ausstellung des Kupferstichkabinetts herausragende Blätter von Hans Baldung Grien, Hans Schäufelein und anderen.


Basel : Albrecht Dürer und sein Kreis - Tod und Erwachen


  
links: Albrecht Dürer · Bildnis des Kardinals Matthäus Lang von Wellenburg, 1518 oder 1521, Kohle oder schwarze Kreide, Hintergrund nachträglich schwarz ausgetuscht, 25,3x27,4 cm, CIBA-Jubiläumsschenkung 1959, Winkler-Dürer Nr. 911. Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler
rechts: Hans Baldung Grien · Jünglingskopf (Selbstbildnis), um 1502, Feder und Pinsel (schwarz) auf blaugrün grundiertem Papier, mit Feder rosa, mit Pinsel weiss gehöht, 22,0x16,0 cm, Amerbach-Kabinett, Koch Nr. 7. Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler


Im 16. Jahrhundert war ausserhalb kirchlicher oder feudaler Kreise das Sammeln von Kunst unbekannt. Als Basilius Amerbach um 1560 mit kleinem Budget begann, Künstlernachlässe seiner Zeit zu erwerben, konnte er nicht ahnen, dass er nicht nur den Grundstock des heutigen Kunstmuseums Basel legen, sondern Kunstgeschichte schreiben würde. Seinem am Humanismus geschulten kulturellen Interesse ist es zu verdanken, dass seine Sammlung auch Jahrhunderte später einen seltenen Einblick in das künstlerische Denken der Renaissance vermittelt. Die aktuelle Ausstellung des Kupferstichkabinetts - die letzte des langjährigen Leiters Christian Müller - zieht erhellende Verbindungslinien zwischen wundervollen Zeichnungen der einflussreichsten Meister ihrer Epoche. Auch wenn die heutige Forschung mit überkritischem Auge manchen Zweifel hinsichtlich der Zuschreibung ins Feld führt und infolgedessen gelegentliche Fragezeichen hinter den Künstlernamen platziert werden, überrascht einmal mehr die stupende Intensität der kleinformatigen Blätter.
So weltlich desillusioniert wie Dürers Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg an uns vorbeisieht, den Blick unerschütterlich in die Ferne gerichtet, so liebreizend, nahezu androgyn schaut uns Hans Baldung Grien in seinem Selbstbildnis entgegen. Die sanften rosa Höhungen auf dunkelgrün grundiertem Papier, der selbstsichere, hellwache Blick des gerade einmal siebzehnjährigen Künstlers, sein pelziger Florhut: Hier fiel gerade die Entscheidung, Künstler zu werden, ein für die damalige Epoche unerhörter Vorgang, «erbte» man doch - wenn überhaupt - den Künstlerberuf von seinem Vater. Derselbe Hans Baldung Grien schuf mehr als drei Jahrzehnte später eine der berührendsten Zeichnungen der Ausstellung: ein Bildnis des in einer Juli-Nacht 1536 in Basel verstorbenen Erasmus von Rotterdam. Lange wurde die Autorschaft der verblassten Zeichnung nicht erkannt, bis Christian Müller unter ultra­violettem Licht der Nachweis gelang. Die womöglich früheste erhaltene Studie eines gerade Verstorbenen nördlich der Alpen sucht in ihrer Schonungslosigkeit ihresgleichen. Demgegenüber steht Dürers ‹Affentanz›, 1523, für das pralle, überbordende Leben, bezeichnenderweise einem Domprobst und dessen Freunden zugedacht: Eine Schar pelziger Lebewesen lässt in ihrem selbstvergessenen Reigen eher an menschliche Charaktereigenschaften denken denn an tierische.

Bis: 01.02.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Albrecht Dürer [01.11.14-01.02.15]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau/Neubau [Basel/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Albrecht Dürer
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