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1/2.2015




Genf : Sonia Kacem


von: Katharina Holderegger Rossier

  
Sonia Kacem · Loulou, 2014, 10 pyramidenförmige Gerüste aus Metall, 17 pyramidenförmige Gerüste aus Holz, Bezüge aus unterschiedlichen Textilien, Grösse variabel, Installations­ansicht MAMCO Genf. Foto: Annick Wetter


Die junge Künstlerin Sonja Kacem (*1985) hat mit ihren frühen, eruptiven und erotischen Installationen aus ausgedienten, neuwertigen und bearbeiteten Objekten und Materialien ihr Publikum sofort gepackt. Ihre nach einem USA-Aufenthalt entstandene Manor-Preis-Schau im MAMCO sieht nun wie ein Cooling Down aus - aber nur scheinbar. Kacem hatte die 2011 abgeschlossene HEAD noch als Malerin begonnen, sich jedoch von Anfang für die Resonanzen und Reaktionen zwischen nicht nur verschiedenfarbiger, sondern auch verschiedenartiger Pigmentflüssigkeiten interessiert. Ihr baldiges Ausbrechen von Experimenten im Bildquadrat zu Installationen im Raumquader und vom Kunstbedarf zum Alltagskram war deshalb nur ein logischer Schritt. Auch wenn ihre Formensprache Anregungen bei der italienischen barocken Skulptur und der französischen romantischen Malerei fand, ist es sicher kein Zufall, dass sie während ihrer Residenz in NY in den Bann des puritanischen Minimalismus geriet, der schon vor gut fünfzig Jahren die malerische Geste von dem von einem Punkt aus Überschaubaren in das körperlich Erfahrbare übertrug und damit die Grenze zwischen Kunst und Leben auflöste. In besondere Spannung versetzte Kacem indes, als sie danach im Kitsch der Kasinos in Las Vegas die über hundert Meter hohe, schwarz verglaste Pyramide eines Luxushotels ebenfalls wie eine minimalistische Setzung wahrnahm. Beeindruckt von der Unverfrorenheit des Architekten, ein so grosses Stück der Geschichte mitgehen zu lassen, beschloss sie, sich im Hinblick auf ihre Manor-Preis-Schau über die Form des Gebäudes ebenso unerschrocken den Minimalismus anzueignen, aber die für sie an ihm doch befremdende Härte, Schärfe und Schwere aufzubrechen. Da gab es in ihrem Atelier in Genf ja auch kein Stahlwalzwerk, aber immer noch die bunt gestreiften Sonnensegel - teils frisch von der Rolle, teils verbeult und veralgt - sowie andere Stoffe, deren suggestive Drapierung in vielen ihrer Werke bereits eine wichtige Rolle gespielt hatte.
Plötzlich mehr die bescheidenen Beduinenzelte statt die mit spirituellen und hierarchischen Konzepten aufgeladenen Pharaonenpyramiden im maghrebinischen Wüstensand vor Augen, überzog sie mit diesen Textilien 17 polyedrische Gestänge, die sie nun im MAMCO so angeordnet hat, als wären sie wie Würfel aus einem Schüttelbecher gerollt. Auf den ersten Blick viel rationaler als alles, was bisher von Kacem bekannt ist, unterläuft sie diese Gesetzmäs­sigkeiten gleichzeitig wieder mit ihrer bereits sicher entwickelten zwischen Reinem und Beflecktem oszillierenden Materialselektion und den die strengen Kompositionsprinzipien entladenden Inszenierungen. Vor allem aber bricht sie damit Grenzen zwischen Epochen, Kulturen und Schulen auf - als Appell fürs Hier und Jetzt.

Bis: 18.01.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Jonathan Binet, Sonia Kacem [24.01.15-29.03.15]
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Sonia Kacem
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