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1/2.2015




Münster : Das nackte Leben


von: Sabine Elsa Müller

  


Der Titel ist gut gewählt. Trotz des Festhaltens an der Figuration gehen die Bilder gewaltig unter die Haut. Der Pinsel bohrt sich förmlich unter die Oberfläche, um etwas Existenzielles zutage zu bringen. Das kennt man von den selbst in Ruhelage konvulsiv erregten Körpern Lucian Freuds oder den wie gehäutet wirkenden Bildnissen Francis Bacons. Beide sind mit starken Bildern vertreten. Aber auch weniger bekannte Maler wie Leon Kossoff oder Frank Auerbach, deren Modelle unter den dicken Farbkrusten fast begraben werden, be­eindrucken mit ihrem Ringen um das Wesentliche. Euan Uglow wiederum spannt die Körper in die Fläche: Ein von der Seite gezeigter Akt streckt sich in einer perfekten, energetischen Diagonale quer durch das Bildfeld. Vieles hier wirkt neu und elektrisierend und zeigt, wie viel es in der Kunst - speziell der Sechziger- und Siebzigerjahre - immer noch zu entdecken gibt.
Mit ‹Das nackte Leben› fokussiert sich die Eröffnungsausstellung des Westfälischen Landesmuseums nach fünfjähriger Bauzeit auf die Londoner Malerei aus der Zeit zwischen 1950 und1980. Auch wenn nicht alles gleichermassen überzeugt, wurde daraus ein Fest der Malerei. David Hockney brilliert mit dem atmosphärisch dichten Doppelbildnis ‹George Lawson und Wayne Sleep›, 1972-75, ebenso wie mit dem zwölfteiligen ‹A Diver›, 1978, aus handgeschöpftem, durchgefärbtem Papier, das aus der National Gallery of Australia seinen Weg nach Münster fand, zusammen mit dem atemberaubenden nächtlichen Grossstadt-Triptychon ‹Good and Bad at Games›, 1964-68, von Michael Andrews. Nachhaltigen Eindruck hinterlassen auch die Bildcollagen des aus den USA nach London übergesiedelten R.B. Kitaj, der den Begriff ‹The School of London› für die teilweise eng miteinander befreundeten, aber doch so unterschiedlich arbeitenden Künstler/innen prägte. Gemeinsam war ihnen offenbar nur das Desinteresse am Abstrakten Expressionismus. Für die Londoner hatte das Metaphysische problemlos auch in der Figuration seinen Platz. Schade nur, dass die unsensible Inszenierung den Bildern zusetzt. Schwarz oder in abgestuften Streifen gestrichene Wände erscheinen wie eine Massnahme zur Eindämmung des Seh­vergnügens. Immer wieder werden die unterschiedlichsten Bilder in thematische Gruppen zusammengezwungen. Das Setzen auf Effekte zu Ungunsten der Kunstwerke befremdete auch schon bei der neuen Fassade, bei der man Otto Pienes ‹Silberne Frequenz› nicht nur erheblich reduzierte, sondern das LWL-Logo tatsächlich mitten in die Arbeit pflanzte.

Bis: 22.02.2015



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Ausgabe 1/2  2015
Ausstellungen Das nackte Leben [08.11.14-22.02.15]
Institutionen LWL-Museum für Kunst und Kultur [Münster/Deutschland]
Autor/in Sabine Elsa Müller
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