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Fokus
3.2015


 ‹Take Position› ist ein Imperativ. Doch Pflanzen und Körper sind die organischen Widerstände, die jede Haltung auf Dauer infrage stellen. Sie können nicht Formen in einem Raster bleiben, sie sind auch historisch geprägte, wachsende und sich entwickelnde Lebewesen. Gegen die Zurichtungen einer globalisierten ­Metakultur agiert Ana Roldáns Kunst im Spannungsfeld zwischen klaren Haltungen und der Notwendigkeit von Perspektivenwechseln, Abweichungen, Ausbrüchen.


Ana Roldán - Die Moderne in Vanille


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Take Position: Bodies and Plants, 2015, Ausstellungsansicht, annex14, Zürich
rechts: Take Position: Bodies and Plants, 2015, Ausstellungsaufnahmen, annex14, Zürich


Es riecht nach Vanille in den Räumen von annex14. ‹Cacixanatl› hiess bei den ­Azteken jene «tiefgründige Blume», die heute in einer globalisierten Geschmackskultur als Duft und Aroma allgegenwärtig ist. Bei Joghurt und Eis bleibt uns allerdings nur ein synthetischer Nachgeschmack jener natürlichen Schoten, die es vor Cortés ausschliesslich in Mexiko gab und deren Verbreitung eng mit der kolonialen Ausbeutung verbunden ist. Mild und eindringlich süss stellt sich dieser Geruch sofort und unverkennbar im Raum ein, ohne dass wir uns an den ambivalenten Ursprung in der Natur und in der Kultur von Mexiko noch erinnern würden. Ana Roldán greift auf die mexikanische Pflanze zurück und schafft dabei eine irritierende Entfremdung: Den Einbau für das Backoffice der Galerie hat sie mit Vanille bemalt und durch den aromatischen Anstrich Raumtrennungen ins Schwingen gebracht. Zudem trägt die Wand aufgeklebte Plakate mit mikadoartig sich überlagernden, schwarzen Textbalken: «Position», «Pose», «Attitude», «Bearing». Die politische Geste des Plakatierens bringt Begriffe ins Spiel, die unmissverständliche Entscheidungen suggerieren, doch gleichzeitig in ihrer Vielzahl jede Entschiedenheit und Ausschliesslichkeit infrage stellen.

Die präkolumbianische Moderne
Ana Roldán ist in Mexico City geboren und lebt seit 2000 in der Schweiz. Sie begann ihr Studium an der Hochschule der Künste Bern mit performanceähnlichen Handlungen. Ich erinnere mich an eine Aktion, bei der sie einer Schildkrötenfigur Schokoladestücke zusteckte und ruhig erklärend auf sie einsprach. In einem ersten Video ging die Kamera forschend durch Wohnungen in der Schweiz, während die Stimme einer Putzfrau aus dem Off anthropologische Differenzen aus dem Blickwinkel einer anderen Kultur formulierte. Mexiko, wie Lateinamerika überhaupt, war eine Quelle und ein Schauplatz der Moderne. Schon Joseph und Anni Albers reisten nach 1934 regelmässig vom Black Mountain College aus in den Süden, sie besuchten die streng kubisch gestuften präkolumbianischen Tempelanlagen und sammelten Ton­figuren. Die orthogonalen Webmuster von Anni wie die rechtwinkligen Farbflächen von ­Joseph Albers nehmen Erfahrungen aus diesen Reisen auf, so dass Albers 1936 an Kandinsky schreiben kann: «Mexiko ist wirklich das gelobte Land der Abstrak­tion.» Die ‹Bodies of Color› des Brasilianers Hélio Oiticia, vor allem aber die zauberhaft farbigen Wandflächen des mexikanischen Architekten Luis Barragán sind für Ana Roldán wichtige Referenzen. Barragáns Bauten verbinden die Regeln der Bauhaus-Moderne mit lokalen, fast erzählerischen Elementen. So arbeitet auch Roldán mit verschiedenen Facetten von Abstraktion, von Distanz und Nähe.
Ketten von aneinandergereihten Kokosnüssen werden diagonal von einer Gruppe von Rayogrammen gekreuzt. Eine Vielzahl dieser leuchtend weissen Lichtspuren werden schliesslich in strengen Reihen und Clustern zu einem verspielten Ornament auf der Wand versammelt. Auch hier lässt sich die geometrische Logik der diagonalen Struktur und ihrer ovalen Elemente ebenso erkennen wie die ständigen Abweichungen jeder einzelnen Nuss und ihrer frivol abstehenden Fasern von einer idealen Rundform. ‹Cocompositions› hiess eine Ausstellung in Amsterdam 2010. Gänzlich aufgehoben wird die Trennung zwischen Geometrien und Körpern, Figuration und Abstraktion in den auf dem rohen Industrieboden sich bildenden Figurationen aus schwarzen runden Stoffschlangen mit partiell hautfarbigen Überzügen. Sie nehmen «Haltung» an: sitzend, liegend, kauernd. Wie leicht schematisierte menschliche Körper sind sie uns vertraut, bis sie durch einen kleinen Wechsel des Blickwinkels unvermittelt in abstrakte Lineaturen kippen. Schon ‹Mimi›, 1985/86, die liegende Puppe aus rohen Holzbalken unterschiedlicher Länge von Markus Raetz, hat dieses Spiel mit den Lesarten kubischer Elemente gespielt. Bei Roldán verschachteln sich mehrere Figuren zu einer organischen Konstellation und gleichzeitig zu einer abstrakten Landschaft.

Haltung jenseits der Attitüden
Freies Assoziieren bedeutet in Roldáns Praxis keine Unentschiedenheit, vielmehr eine Potenzierung von Möglichkeiten, Haltung einzunehmen. Wenn Attitüden zu einer Form gerinnen können, ist es umgekehrt möglich, eine Form mit einer Reihe sich gegenseitig nicht ausschliessender Grundhaltungen zu verbinden. Die Angemessenheit einer Entscheidung bleibt in der Kunst anders zu verstehen als in der politischen Aktion. Auf grauem Asphalt tanzt oder züngelt der Schatten einer Flagge im steifen Wind. Die Videoprojektion mit dem Titel ‹Guerrero› erinnert an jene Provinz in Mexiko, in der die 43 Studentinnen und Studenten verschwunden sind. Was uns die Schlagzeilen vermitteln, sind Kürzel für kurzfristige Empörung. Die in Grautönen sich unaufhaltsam wiederholende Bewegung im Stillstand dagegen lässt uns an alle Opfer äusserster Gewalt denken. Der Schatten verrät keine Identitäten, und doch gibt es auch in dieser Unterwelt die unüberhörbare Forderung nach Aufklärung. Zu hören sind die stampfenden Schritte von Menschen, die sich zum Tanz versammelt haben.
Die zwei- und dreidimensionalen Bilder von Roldán machen die Widersprüche der Moderne wieder produktiv, ohne über Realität zu spekulieren. Die Vielschichtigkeit ihrer Arbeiten findet eine Entsprechung in der deutschen Sprache, die in feinen ­Nuancen unterscheidet zwischen «Haltung» und «Attitüde», «Position» und «Pose». Eine geistige Haltung erlaubt mehrere Positionen. Deren Angemessenheit erweist sich an einem konkreten Ort, zu einem definierten Zeitpunkt in einem spezifischen Kontext. So hat die Ausstellung in der Galerie annex14 einen Gravitationskern mehrerer Bewegungen. Eine Hierarchie mit Zentrum kennt sie nicht.
Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker, Studienbereichsleitung Fine Arts hkb Bern. hreust@bluewin.ch



Bis: 08.03.2015


Ana Roldán (*1977, Mexiko) lebt in Zürich

1997-2000 Studium der Geschichte, Escuela Nacional de Antropologia e Historia, Mexico City, ME
2000-2003 Studiengang Kunst, Hochschule der Künste, Bern, CH

Einzelausstellungen (ab 2010)
2010 ‹Cococompositions›, Ellen de Bruijne Projects; ‹Dynamo0›, mit Falke Pisano, Kunsthaus Glarus; ‹Garash›, Galería d'arte contemporánea, Mexiko
2011 ‹Blank Back Mirror. (mit Alicja Kwade)›, Kunsthaus Langenthal; ‹Forms of contemplation, ideal forms in compositions›, Badischer Kunstverein, Karlsruhe; ‹Different Orders›, annex14, Bern
2012 ‹Espejo Negro›, Formato Cómodo, Madrid
2013 ‹Drunk, High and Exhilaration›, Florian Christopher show room, Zürich
2014 ‹Rituale*2›, Stadtbad Zürich
2015 ‹Take Position: Bodies and Plants›, annex14, Zürich



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Ausgabe 3  2015
Ausstellungen Ana Roldán [30.01.15-07.03.15]
Institutionen annex14 [Zürich/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Ana Roldán
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