Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
3.2015


 Nach den Pariser Attentaten auf die Redaktion von ‹Charlie Hebdo› vom 7. Januar fragten alle: Was tun? Sie griffen zum Stift, hielten ihn hoch, in den Strassen. Kunststudierende und Kunst­schaffende zeichneten. Wut drehte sich zu Mut. Für ­viele wurde erst jetzt klar: Eine freiheitliche Gesellschaft ist nicht ­geschenkt. Man muss sich für sie einsetzen.


Karikaturen - Freizeichnen, was folgt auf Charlie?


von: J. Emil Sennewald

  
links: Jesuischarlieaussi, Zeichnungsblog französischer Kunstschulen, 2015.
rechts: Im Uhrzeigersinn von oben links: Ardalan Yaghoubi/Hear, Leopold Prudon/Hear, Anna Griot/Hear, Grégoire Gamichon/Lycée Marc Chagall, Remy Schaepman, Baptiste Virot


«Sie haben meine Jugend ermordet» - die SMS seines Vaters traf Stéphane Thidet hart, am 7. Januar. «Die Zeichner von ‹Charlie Hebdo› waren nicht nur Journalisten», erklärt der vierzigjährige Künstler, «sie waren Teil unserer Kultur. Cabu trat in der ­Kindersendung ‹Récré A2› auf, zeichnete live. Wir sind damit gross geworden.» Von 1977 bis 1987 begleitete Cabu die Sängerin Dorothée, machte ihre Nase mit seinen Karikaturen unsterblich. «Alle Kinder zeichneten. Dorothée war so etwas wie ihre grosse Schwester», sagte Cabu letztes Jahr dem «Journal du Dimanche». Familie - das sind Karikaturisten in einem Land, das Comic zur Hochkultur zählt. Seit dem 7. Januar gehört es zur Kultur des Widerstands.
«Je suis Charlie» ist doppeldeutig, heisst: «Ich bin Charlie». Oder, erste Person Singular von «suivre»: «Ich folge Charlie». Viele folgen zeichnend fürs Recht auf freie Meinungsäusserung. Das gezeichnete Bild ist ganz anders als das fotografierte. Der Handschrift nahe - die zu erlernen jetzt an den Schulen abgeschafft werden soll - führt es die Signatur mit sich, verleiht dem Bild Identität und Person. Zeichnung ­bildet nicht ab, sie formt Rillen, durch die hindurch wir uns vortasten, durch die Welt. «Ich gehe nie an Demonstrationen», sagte mir ein junger Mann auf der Place de la République, «aber jetzt bin ich hier, weil ich gemerkt habe, dass ich um die Freiheit kämpfen muss.» Ähnlich dürften viele Kunststudierende denken. Demokratische Grundwerte waren selbstverständlich, Politik uncool. Wie man es schaffen kann, mit dem Diplom, dem Kunstbetrieb, stand im Vordergrund. Jetzt ist klar: Jeder muss für die Freiheit einstehen.

Wir haben nur Tinte fliessen lassen
Auch wenn das grosse Foto am Centre Pompidou, das Delacroix zitiert und mit «11 janvier 2015: Unis» beschriftet ist, es anders will: In Frankreich herrscht keine Einigkeit. Im Web, in Schulen gibt es Sympathie für Terroristen, die infam religiösen Glauben missbrauchen. Zwischen 700 und 900 der 3000 aus Europa stammenden Dschihadisten kommen aus Frankreich, über 75 wurden bereits getötet. Teile einer fragmentierten Gesellschaft. Die Cités entwickeln seit Jahrzehnten ihre Eigenkultur. Genau wie die Viertel und Vororte der Reichen, sekundiert von der Politik. Frankreich ist nicht frei, nicht gleich. Jeder lebt seine eigene Brüderlichkeit, gezeichnet vom unbewältigten Algerienkrieg, von unbearbeiteten antisemitischen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Es wirkt schon fast grenzenlos naiv, wenn jetzt das Pariser Post­museum die Zeit zwischen 39 und 45 «im Spiegel der Briefmarken» darstellen will, ganz vorn natürlich die Résistance. Für die Verbrechen von Vichy gab es so wenig Platz auf Briefmarken wie für Marine Le Pen im Politikerumzug. Existieren tun sie trotzdem. Genau wie die «muslimischen Verbände», die jetzt auf den Bürgermeister des Pariser Vororts Clichy Druck ausgeübt haben sollen, weil ihnen das im Pavillon Vendôme ausgestellte Werk ‹Silence› der französisch-algerischen Künstlerin Zoulikha Bouabdellah - eine Ansammlung von arabischen Teppichen mit weissen Pumps in der Mitte - aufstiess. Sich dem zu stellen, wäre jetzt wichtig. Doch der Bürgermeister gab nach, so die ebenfalls teilnehmende Künstlerin Orlan in einem offenen Brief, die Installation «wurde unter Einvernehmen von Künstlerin und Kuratorin» aus der Gruppenausstellung entfernt. Der Mut, Charlie zu sein, hält nicht lang. Und es reicht nicht, nur zu zeichnen. Aufrecht stehen heisst aushalten. Augen öffnen angesichts des ausser Kraft geratenen Laizismus, unterdrückter Kolonialgeschichte und des ­sozialen Risses, dessen Kanten Religion schärft. Viele Karikaturen aus Kunstschulen zeigen das. Spontan hat die Pariser Maison Heinrich Heine einige versammelt. Um Bilder zu zeigen. Um Begegnung zu ermöglichen. Auch Konflikt? Die engagierte Webzeitschrift ‹Poptronics› hat weitere zusammengefasst, gereckte Fäuste mit Bleistift, Witze über den ermordeten Karikaturisten Wolinski und die himmlischen Jungfrauen, Bilder von JR, Banksy oder Lucie Quéméner, 16 Jahre alt: «Wir haben nur Tinte flies­sen lassen», schrieb sie auf ihre Zeichnung, auf der auch Blut fliesst. Tuscheblut.

Wie nun weiterleben?
Auf dem Blog ‹Jesuischarlieaussi› zeichnen Studierende weiter, in Sorge um das Danach. Nicht unbegründet, schon holt der Alltag uns wieder ein. Vergessen die hitzigen Vorsätze aktiven Widerstands, die Aufwallungen kurzer, wirklich gelebter Solidarität, dort, auf der Strasse, am Sonntag nach den Attentaten im winterlichen Sonnenschein. Aber wie nun weiterleben? Nicht allen, mit denen wir Charlie waren, wollen wir folgen. Auch das hat eine der Karikaturen gut getroffen, sie zeigt die Einsamkeit vorm weissen Papier, wieder allein, mit seiner Verantwortung. Sicher, wir leben friedlich zusammen, im 19. Arrondissement, in dem sich die islamistische Gruppe ‹Buttes Chaumont› formierte. Christinnen, Moslems, Jüdinnen, Sozialhilfeempfänger, Künstlerinnen, Akademiker. Alle gemeinsam in den klapprigen Aufzügen der Sozialwohnungsbauten. Nicht brüderlich, eher gleichgültig. Aber etwas ist anders. Ist etwas anders? Unten plaudern Kinder mit schwer bewaffneten Soldaten, die den jüdischen Tempel bewachen. Oben blättern wir durch Karikaturen. Erinnern, debattieren, ­lachen. Für die Freiheit des Andersdenkenden. Darüber, Charlie gewesen zu sein.
J. Emil Sennewald, Kritiker und Kunstjournalist in Paris sowie Professor für Philosophie an der Kunsthochschule Clermont-Ferrand. Emil@weiswald.com


Bis: 26.04.2015



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2015
Ausstellungen P. Albarracín, Z. Bouabdellah, N. Childress u.a. [25.01.15-26.04.15]
Institutionen Pavillon Vendôme – Centre d’art Contemporain [Clichy/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Link http://www.ville-clichy.fr/382-le-pavillon-vendome-centre-d-art-contemporain.htm
Link http://www.maison-heinrich-heine.fr/fr/je-suis-charlie/
Link http://poptronics.fr
Link http://jesuischarlieaussi.tumblr.com
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=150221102250086-2
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.