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Fokus
3.2015


 Trashig-poppig-punkig-schrille Gesellschaftsanalyse oder plakative Banalitäten? Anna Meyers Malerei provoziert die Ordnungshüter akademischer Salonkunst und angepasster Mainstreamkritik gleichermassen durch explizite Inhalte wie durch dissonanten Realismus. Die Schweizer Künstlerin, die seit 1986 in Wien lebt, zeigt neue Arbeiten in Berlin: ‹Sein oder Online› heisst der Zyklus, der das Zitat von Shakespeare «Sein oder Nichtsein» ungefiltert auf die Zustände einer durchdigitalisierten Welt prallen lässt.


Anna Meyer - Von Selfiemen und Smartphonemadonnen


von: Patricia Grzonka

  
links: Abgefacebookt , 2011, Öl auf Leinwand, 120x80 cm. Foto: Lukas Dostal
rechts: Smartphonemadonna, Öl auf Leinwand, 130x170 cm, 2014, Courtesy für alle Bilder Krobath Berlin/Wien. Alle Fotos: Lukas Dostal


Die Fiktion liegt manchmal nur ein paar Klicks von der Realität entfernt. Rosarote Gänse watscheln orientierungslos, dafür mit Peilsendern auf dem Kopf, über einen knallig violett und pink bemalten Platz. Das Apfellogo einer bekannten Computerfirma erscheint verfremdet und mahnend als Totenkopf auf einem gestreiften Gebäude, das in einer dynamischen Welle den Platz begrenzt. ‹Welt du Strichcode› lautet der Titel des 130x160 cm grossen Gemäldes, und es ist offensichtlich, dass der Strichcode dieser ornamentalen Zierfassade keine Fantasie, sondern die urbane Realität des neu eröffneten Einkaufszentrums Kö-Bogen in Düsseldorf wiedergibt, die Anna Meyer lediglich in ihr Bild übertragen hat. Auch die Gänse sind keine Erfindung, wenngleich sie normalerweise nicht vor, sondern hinter dem Einkaufstempel im Düsseldorfer Hofgarten als pittoreske Naturreminiszenzen in der Grossstadt gehalten werden. Nur die schmucken Peilsender, die wie Marsmännchen-Antennen wirken, entsprangen der malerischen Freiheit der Künstlerin.
‹Welt du Strichcode› ist ein Bild der neuen, ‹Sein oder Online› betitelten Serie ­Meyers von 2014/15, in der die Überschneidung von Fiktion und Realität in der Welt der digitalen Normaluser mit Smartphone, iPad und Co. verhandelt wird. Omnipräsent sind darin die elektronischen Medien, die nicht nur in allen möglichen Situa­tionen konsumiert werden, sondern zum fixen Bestandteil eines Stadtbilds avanciert sind. Angesichts dieser Durchdringung aller Lebensbereiche mit mobilen Geräten und Internet stellt Meyer in ihren neuen Bildern - und einer Reihe von plastischen Modellen - grotesk-düstere Szenarien auf: Ein Handy-Kranz umhüllt die Marienstatue auf der nach dieser benannten Brücke über den Donaukanal in Wien. Die ‹Smartphonemadonna› selbst starrt in ihr Tablet, und kleine Überwachungsdrohnen schwirren über einer verhüllten Passantin. Der ‹Selfieman› ist zur Strassenmöblierung erstarrt, im Display seines Smartphones leuchtet ein Totenschädel. ‹Sein oder Online› ist die scheinbar alternativlose Botschaft dieser Bilder.

Dystopische Visionen
Auch wenn diese Arbeiten in dystopische Visionen kippen, so sind sie durch eine knallbunte Farbgebung in eine eher fröhliche Grundstimmung getaucht, die ihnen eine surreale Note verleiht. Der starke Kontrast von Inhalt und malerischer Technik kennzeichnet Meyers Werke generell. Ihre trashig-lockere Pinselführung und die farbliche Überhöhung übersteigen dabei gelegentlich die Grenzen des guten Malereigeschmacks, der von diskreter Sublimierung mehr hält als von direkter Darstellung realer Gegebenheiten. Ihr oft kruder Pinselstrich, die grelle Farbpalette sind jedoch expressive Stilmittel, die in der Malereigeschichte - von Kokoschka bis Lassnig - fest verankert sind. Die auch vorhandene ironische Note verbindet Meyers Arbeiten wiederum mit der ästhetischen Haltung einer jüngeren Zeit, für deren modernen Realismus ein Amalgam aus Punk und Nonchalance, personifiziert in einem Künstler wie Martin Kippenberger oder der Bildhauerin Isa Genzken, kennzeichnend ist.
Aber die Kunst von Anna Meyer definiert sich vielleicht weniger über die formale Seite als über die inhaltliche. Meyer nimmt Stellung zu sozialen, künstlerischen und politischen Themen - und nennt dabei die Dinge oft explizit beim Namen. Die direkte Adressierung von Botschaften fand mit Billboards oder Transparenten in früheren Bildserien bereits ihren Ausdruck. In den Arbeiten der letzten Jahre wich die direkte Botschaft vermehrt einer surreal verfremdeten Stimmung, in der Kritik durch subtilere Methoden der Sinnverschiebung erzeugt wird.
Meyers Werkgruppen sind oft an Auslandsaufenthalte gekoppelt, willkommene Anlässe, sich über mehrere Monate hinweg mit der Alltagsrealität an einem Ort auseinanderzusetzen. Während ausgedehnter Stadttouren erkundet und dokumentiert die Künstlerin die politische und soziale Situation eines Landes, ohne zunächst zu wissen, in welche Richtung sich diese Recherche künstlerisch entwickeln wird. «Das Malen ist ein Prozess, in dessen Verlauf sich häufig ein weiterer, neuer Bildraum öffnet, der nicht benannt werden kann», so Meyer. Erst im Verlauf der Verarbeitung der Bildeindrücke, die zunächst fotografisch erfasst werden und später in Skizzen und kleinere Gemäldestudien einfliessen, konkretisiert sich ein inhaltliches Thema. In ‹Belgrad›, 2011, setzte sie sich mit der Situation einer demokratischen Gesellschaft im Postsozialismus auseinander, in ‹Japan›, 2005, mit einer kapitalistischen Waren- und Konsumkultur. In ‹Istanbul›, 2012, gemalt anlässlich eines Artist-in-residence-Aufenthalts, stand zunächst die malerische Behandlung der Grossstadt als Landschaft im Fokus der Auseinandersetzung, bei einem weiteren Aufenthalt ein Jahr später haben die Proteste am Taksim-Platz diese vermeintliche Idylle abrupt gestört. Meyer behandelt die Proteste als Ausdruck ­eines breiteren soziokulturellen Kontextes einer zunehmend autoritären, islamisierten politischen Haltung in der Türkei.

Sein oder Online
Ein Parallelprojekt, das sie seit vielen Jahren nebenbei verfolgt, ist die mehr­teilige Serie ‹Futurefeminismus - Wir lebten in hundert Jahren›. In einem historischen Feld führt Anna Meyer hier einen Langzeitdiskurs mit der Kunstgeschichte und deren patriarchalen Einordnungsystemen. Dutzende von kleinformatigen, auf transparentem Plexiglas festgehaltenen Malerei-Miniaturen von kanonisierten Werken der Kunstgeschichte werden in einem wilden Stilmix feministisch umgedeutet und mit markigen Sprüchen garniert: Tizian trifft auf Bourgeois, Courbet auf Benglis. Meyers kritisches Résumé besagt aber, dass erst die Zukunft der Kunstgeschichte weiblich dominiert sein könne - wenn überhaupt.
Mit prägnanten Bild- und Ausstellungstiteln wie ‹Paint to Politain›, ‹Homeless Müllness› oder ‹Die Zeit verwundet alle Heiler› trifft Anna Meyer immer wieder als Kapitalismuskritikerin mit philosophischen Untertönen neuralgische Punkte gesellschaftlicher (Un-)Zustände. Welche Rolle spielt das Politische in ihren Arbeiten?
«Ich habe eine politische Haltung, die neben anderen Zeitthemen in den Bildern vorkommt», meint Meyer im Gespräch. Sie sehe sich als Verfertigerin von mehrschichtigen Abbildern einer durchaus realen Welt, in die durch den künstlerischen Prozess auch ambivalente Erfahrungen einfliessen. Der Frosch in der ‹Smartphonemadonna›, der übergross an der Hausfassade eines tristen Wiener Gebäudes erscheint - bringt er nicht etwas Märchenhaftes an einen städtebaulich unwirtlichen Ort?
Patricia Grzonka, Schweizer Kunst- und Architekturhistorikerin, lebt in Wien. pat.grz@silverserver.at

Bis: 13.06.2015


Anna Meyer (*1964, Schaffhausen) lebt in Wien

1984 Schule für Gestaltung, Luzern
1983 Schule für Gestaltung, Zürich
2007-08 Professur an der Sommerakademie Salzburg, Malereiklasse
2010-12 Dozentur an der Hochschule Luzern, Modul: Malerei und digitale Wirklichkeiten

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 Krobath Berlin
2013 ‹The Time Wounds All Healers›, Galerie Macka, Istanbul; ‹Paint to Politain›, Jesuitenforum, Wien
2011 ‹Another Time, Another Planet›, KÖR, Kunst im öffentlichen Raum, Wien; ‹Paint to Politain. Nachkrisenmalerei›, Kunstverein Schaffhausen, Galerie Mera, Schaffhausen; ‹Futurefeminismus›, Galerie HSLU K&D, Hochschule für Design und Kunst Luzern
2010 ‹Weltensauger›, Antje Wachs Gallery, Berlin
2009 ‹Anna Meyer. In My Paintadelicmodel City›, Galerie Eugen Lendl, Graz; ‹Nostalgia for an Age yet to come›, Krobath, Wien
2006 ‹Schlechte Malerinnen sind bessere Künstlerinnen›, Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig

Projekte
2013 ‹Another Time Another Planet›, Billboard im Aussenraum bei den Gasometern, KÖR Wien
2012 ‹Angestellt in der Firma Welt›, Installation für die Arbeiterkammer Wien, 2 Billboards, im Aussenraum, Plösslgasse 13, Wien
2010 ‹Another Time, Another Planet›, Billboard, Kunst im öffentlichen Raum, Wien

Aktuelle Publikation: ‹The Happy fainting of Painting›, Malereireader, Hg. Gunter Resky und Hans Jürgen Hafner, Walther König Verlag



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Ausgabe 3  2015
Ausstellungen Erich Brändle, Daniele Bünzli, Heinz Jahn, Anna Meyer, Bernd Salfner, Markus Wetzel [19.04.15-13.06.15]
Ausstellungen Anna Meyer [08.02.15-22.04.15]
Institutionen Kunstkästen Schaffhausen [Schaffhausen/Schweiz]
Institutionen Krobath [Wien/Österreich]
Autor/in Patricia Grzonka
Künstler/in Anna Meyer
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