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Ansichten
3.2015


 Robert Capa, einer der grössten Fotografen des 20. Jahrhunderts und ein Kriegsreporter, der immer an vorderster Front sein musste, hat die stillsten und poetischsten Kriegsbilder hinterlassen. Darunter eines aus Sizilien, das brennende Aktualität in eine archaische Szene versetzt.


Ansichten - In gemeinsamer Aktion


  
Robert Capa · Troina, 4./5. August 1943: Ein sizilianischer Bauer zeigt einem amerikanischen Soldaten, welche Richtung die Deutschen ­eingeschlagen haben.


In der (Wander-)Ausstellung ‹Robert Capa in Italia›, die ein weniger bekanntes Kapitel seines Engagements im Zweiten Weltkrieg umfasste, fühlte ich mich mitunter wie in einem Andachtsraum. Die Fotografie des sizilianischen Bauern, der in Troina einem amerikanischen Soldaten mit einem unerklärbar langen, über den Bildraum hinausweisenden Stock die Richtung angibt, in die sich die Deutschen zurückgezogen haben, evoziert eher die Welt des Don Quijote als den Zweiten Weltkrieg. Das Geschehen konzentriert sich auf ein ungleiches, für einen Moment aber innig vereintes Paar. Neben dem älteren, knorrigen Bauern wirkt der in die Hocke gegangene junge Soldat wie ein riesiger Grashüpfer, der nur darauf wartet, losspringen zu können. Die linke Hand des Einheimischen sanft in seinem Nacken, folgt der Amerikaner gebannt dem Stecken, der dessen rechten Arm ins Unendliche verlängert. Der feingliedrige Soldat ist unbewaffnet und sauber gekleidet; an seiner Linken fallen ein legerer Armschmuck und ein Ehering auf. Ausser seinem Helm, der perfekt mit dem zusammengeknüpften Kopftuch des Bauern korrespondiert, lässt nichts auf ein kriegerisches Geschehen schliessen. In der weiten, kargen Hügellandschaft, vor der sich diese Szene abspielt, weidet ungerührt eine einzige Kuh.
Am 4./5. August 1943 - so ist das Foto datiert - war die Schlacht von Troina, die härteste der amerikanischen Truppen in Süditalien, noch im Gang. Die einen Monat zuvor in Sizilien gelandeten Alliierten, die Palermo relativ einfach einnehmen konnten, waren da auf hartnäckigen Widerstand der Deutschen gestossen und setzten das an der Hauptachse nach Messina gelegene Städtchen massiven Bombardierungen aus. Nach tagelangen Kämpfen zogen sich die Deutschen am Morgen des 6. August zurück. Capas sprungbereiter Soldat wird da kaum noch nachgeholfen haben.
Der 1st Infantry Division von Brigadegeneral Theodore Roosevelt angeschlossen, hat Capa die siebentägige Schlacht von Troina vom Anfang bis zum Ende verfolgt. Vom eigentlichen Kampf bekam er aber vor allem Rauchschwaden zu sehen. Umso aufmerksamer fotografierte er die Bewegungen darum herum. Dass er gewisse Szenen (nach)stellte, gehörte dazu. Auch unser zu einer organischen Einheit verschmolzenes Paar posierte wohl für ihn - in der ‹Life›-Reportage vom 30. August 1943 zeigt ein anderer Bauer einem entspannt lächelnden General Roosevelt die Richtung der Deutschen an. Wahrscheinlich konnte nur so dieses Inbild einer Welten verbindenden Bereitschaft entstehen.
Caroline Kesser ist Kunsthistorikerin und Journalistin und lebt in Zürich.


Beatrix Lengyel, Robert Capa in Italia, Kat., i/e, Fratelli Alinari Fond. per la Storia della Fotografia, 2013



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Ausgabe 3  2015
Autor/in Caroline Kesser
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