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Besprechung
3.2015


Gabriel Flückiger :  Auf dem Rückweg von der Pressekonferenz passiert's. Eine lose Masche fällt aus dem dicht gewobenen Taktfahrplan: Der Zug hat Verspätung. Solche allzu bekannten Geschehnisse des Alltags bilden die konzeptuelle Grundlage von ‹One Million Years - System und Symptom› der aktuellen Schau im MGK Basel.


Basel : One Million Years - Das System und sein Aussen


  
Andreas Slominski · Helgoländer Winkelreuse, 1998 (Detail), Metall, Drahtgeflecht, Holz, 254x552x853 cm, Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich, 2003 Ankauf Kunstmuseum Basel. Foto: Alexander Troehler


Dass der Zug trotzdem pünktlich ankommt, liegt - so der Soziologe ­Niklaus Luhmann - daran, dass Systeme zur Re-Harmonisierung dessen tendieren, was aus der Norm gefallen ist. Søren Grammel, Leiter des MGK, nahm dieses Spannungsfeld vom System und seinem Aussen als kuratorische Grundidee. So befragen ­u.a. die Werke von Heimo Zobernig, Andreas Slominski und Thomas Demand Funk­tionsweisen von unterschiedlichen Systemen und ihren koordinierend-normativen Scharnierstellen. Zobernigs begehbare Drehtür, ‹Ohne Titel›, aus Holzplatten bezieht sich auf den reibungslosen Personenfluss bei einem Gebäudeaus- und -eintritt. Entgegen gläsernen Versionen verschluckt die blickdichte Anlage die Personen aber zwischenzeitlich in einer beengenden, verunsichernden Dunkelheit. Offenkundiger operiert die ‹Helgoländer Winkelreuse› von Slominski. Eine der Forschung dienende, raumgreifende Vogelfalle markiert den Übertritt der unbeschriebenen Natur in ein klassifizierendes Wissenssystem. Thomas Demand entmachtet das Kontrollregime einer Flughafen-Sicherheitsschleuse, ‹Gate›, im abfotografierten Modellbau zur ungefährlichen Niedlichkeit. Andere, vom gesellschaftlichen Kontext losgelöste Werke bezeugen das Potenzial des Systems als künstlerisches Prinzip. So ist die wandfüllende Zeichnung von Sol LeWitt ein Exerzitium, das auf Studien basierende Möglichkeiten durchspielt, wie kreis- und bogenförmige Striche ein engmaschiges Raster überziehen können. Solch konzeptuelle Strenge führt bei Hanne Darboven zu einer kryptischen Ordnung. Sie notierte Monate und Jahre, indem sie die Quersumme der jeweiligen Daten addierte und mit entsprechend langen Linien visualisierte.
Unterwandert diese Serie bewusst die Verständlichkeit und Anwendbarkeit von (zeitlichen) Ordnungen, hat Andrea Fraser in ihrem Video ‹Little Frank and His Carp› keine Mühe, den Anweisungen des Audioguides im Guggenheim in Bilbao wortwörtlich zu folgen. Sie bestaunt die Architektur und fühlt der Sinnlichkeit der verwendeten Materialien mit vollem Körpereinsatz nach. Das Werk entlarvt solche Texte als floskelreiches Sprachsystem, dessen Inhalt eher suggestiv als aussagekräftig ist. Frasers Beitrag und die gesamte Ausstellung laden denn auch ein, den nächsten verspäteten Zug mehr als Chance denn als Mühsal zu sehen.

Bis: 06.04.2015


mit Publikation



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Ausgabe 3  2015
Ausstellungen One Million Years - System und Symptom [11.10.14-06.04.15]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Gegenwart [Basel/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
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