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Besprechung
3.2015


Irene Müller :  Es sind komplexe, geradezu existenzphilosophische Themen, die Edith Flückiger beschäftigen: Fragen nach dem Auf-der-Welt-Sein und den damit verbundenen Bedingtheiten - und die Suche nach visuellen Entsprechungen von Seinszuständen, die sich oftmals klaren Artikulationen entziehen.


Bern, Luzern : Edith Flückiger - Stete Ver(un)sicherungen der eigenen Präsenz


  
Edith Flückiger · gestern, 2002/2015, Videoprojektion, Farbe, Ton, Loop, 2D-compositing: Ralph Kühne, Ausstellungsansicht Stadtgalerie Bern. Foto: Dominique Uldry


Dies mag sehr abstrakt klingen, doch es gelingt Edith Flückiger (*1960, Wien) mit präziser Medialität und ihrer Sensibilität für Sprache immer wieder, diese gedanklich geprägte Materie in leibliche Erfahrungen zu übersetzen. Demgemäss erschliessen sich ihre Arbeiten auf einer rein sinnlichen Ebene unmittelbar. Die Videos, Fotos und objekthaften resp. installativen Arbeiten ziehen einen durch ihre reduzierte Gestalt, die markanten auditiven Ebenen und das häufig spröde Zusammentreffen von Bild und Ton, Räumlichkeit und Körperlichkeit in ihren Bann. Der medialen und materialen Erscheinung der Arbeiten kommt eine doppelte Aufgabe zu: Neben der sinnlich-­affektiven Attraktion agiert sie als Träger von Zeichen und Codes, von Gezeigtem und Gesagtem - und somit als Katalysator von Flückigers Texten und Inhalten.
Die Ausstellung in Bern zeigt nicht nur diese Aspekte von Flückigers Arbeitsweise auf, sondern auch ihren differenzierten Umgang mit analoger und digitaler Bilderzeugung. Entgegen gängigen Erwartungen beruht nämlich die Videospur von ‹gestern›, einer rhythmisch interferierenden Textprojektion, auf Fotos einer hinterleuchteten Plexiglasplatte, aus welcher der Text herausgeschnitten wurde. Diese Aufnahmen sind in unterschiedlichen Tempi übereinander gelagert, sodass bestimmte Textteile in dem Moment lesbar werden, in dem die fotografischen Ebenen deckungsgleich sind. Begleitet von dunklen, leicht dissonanten Klangfolgen, leuchten einzelne Zeilen aus dem wandfüllenden Wörtermeer auf - dazwischen verunklärt sich das Schriftbild, als ob es die Unordnung bräuchte, um einen neuen Satz(sinn) zu erzeugen. Rund zwei Minuten dauert die Text-Erscheinung, von der zunächst vor allem Fetzen hängen bleiben: kopfüber ins Nass...dumpfe Schneise...Zehenspitzen...hinkten ein wenig. Immer wieder entgleiten die Wörter, der Anschluss an das Vorangegangene verliert sich - im Versuch zu verstehen beginnt sich die Zeit zu dehnen, der Körper wird von den projizierten Zeichen überzogen und trägt letztlich den Text mit sich.
Die übrigen Arbeiten der Ausstellungen in Bern und Luzern präsentieren verwandte Strategien von Sprachwerdung, Artikulation und Textualität. Sie fächern das me­diale und inhaltliche Spektrum auf, beleuchten zeitliche Verschränkungen, vergängliche Behauptungen und das geballte Potenzial von Sprache und Bild, ihrer inhärenten Sinnstiftung und Verstörung, Rigidität und Verführung.

Bis: 28.03.2015


Stadtgalerie Bern (kuratiert von Chantal Molleur, whiteframe)



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Ausgabe 3  2015
Ausstellungen Edith Flückiger [26.02.15-28.03.15]
Ausstellungen Edith Flückiger [29.01.15-28.02.15]
Institutionen Hilfiker Kunstprojekte [Luzern/Schweiz]
Institutionen Stadtgalerie im PROGR [Bern/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Edith Flückiger
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