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Besprechung
3.2015


Kristin Schmidt :  Rosemarie Trockel wird gern in eine Reihe gestellt mit Cindy Sherman, Barbara Kruger oder Jenny Holzer. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, allerdings fehlen in dieser Aufzählung die Künstlerkollegen. Trotz frauenzpezifischer Themen ist die Zuweisung in irgendeine Künstlerinnenschublade verfehlt.


Bregenz : Rosemarie Trockel


  
Rosemarie Trockel · The Critic, 2015, Mixed Media, 170x60x60 cm, Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz ©ProLitteris. Foto: Markus Tretter


Rosemarie Trockel (*1952, Schwerte) spielt die Frauenkarte so souverän, geist- und anspielungsreich, wie sie jedes andere Thema auch behandelt. In ihrer aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Bregenz ist es beispielsweise eine wahre Freude, sie die aktuelle und die nicht mehr ganz so zeitgenössische Kunst sezieren zu sehen.
Trockel ist bekannt geworden als die strickende Künstlerin. Dabei wurden ­ihre wollenen Bildwerke bereits in den Achtzigerjahren per Computer gestaltet und maschinell hergestellt. Nun aber verzichtet sie aufs vollautomatische Stricken und legt Acrylfaden an Acrylfaden, so dass Streifenbilder entstehen. Streifenbilder? Gab es die nicht in den vergangenen zwei Jahren allerorten zu sehen, eben doch mittels Computertechnik fabriziert, und zwar von Gerhard Richter und bis zu zehn Meter lang? Trockels Streifenbilder sind wesentlich kleiner, sie heissen ‹Easter Parade› oder ‹Pattern is a Teacher› oder tragen gar keinen Titel. Gerade in ihrer überschaubaren Grösse, ihrer Machart und der beliebigen Benennung konterkarieren sie Richters ‹Stripes› und spielen mit der Lust, das Ungegenständliche endlos aufzuladen. Schade nur, dass sie im Kunsthaus Bregenz hinter Acrylglas hängen, das hemmt sie etwas in ihrer Wirkung. An anderen Stellen wieder ist die Präsentation der Werke gelungen und antwortet aufs Beste der Architektur Zumthors, wenn etwa Drucke in Beton gerahmt sind oder ‹Spiral Betty› am Fuss einer der langen, die Stockwerke verbindenden Treppen hängt und den Herabschreitenden entgegenleuchtet. Neonröhre, Eierstockplastik, Schnur - Betty ist die kleine Schwester von Jetty und lässt Robert Smithsons spiralförmige, mit schwerem Gerät erbaute Mole in der weiten Landschaft von Utah hoffnungslos romantisch erscheinen.
Nicht immer liegen Trockels Bezüge geografisch so fern. Für ihre Ausstellung unter dem sprechenden Titel ‹Märzôschnee ûnd Wiebôrweh sand am Môargô niana më› im Kunsthaus Bregenz hat sich die Künstlerin im Vorarlberg umgesehen und ist auf Trachtenkunst und Amulette, auf Trophäen und Reizwäsche gestossen, und auf grosses (weibliches) Selbstbewusstsein. ‹The Critic› ist die Synthese all dessen und noch dazu mit dem Ich der Künstlerin verwoben.
Trockel ist jetzt über sechzig Jahre alt, ihre Kunst jedoch ist kein abgeklärtes Werk, sondern sowohl von ihren Inhalten her als auch in ihrer Ausformulierung mühe­los auf der Höhe der Zeit.

Bis: 06.04.2015



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Ausgabe 3  2015
Ausstellungen Trix Haussmann, Robert Haussmann, Rosmarie Trockel [24.01.15-06.04.15]
Institutionen Kunsthaus Bregenz [Bregenz/Österreich]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Rosmarie Trockel
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