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Besprechung
3.2015


Nicola Schröder :  Das Buch allein als Medium der Literatur zu sehen, ist ein­seitig. Es von den übrigen künstlerischen Disziplinen abzugrenzen, ­sogar unmöglich. Warum das zudem nicht erstrebenswert ist, vermittelt aktuell eine Ausstellung über die ‹Kunst des Lesens› der Gebert-Stiftung für Kultur in Rapperswil-Jona.


Rapperswil-Jona : Unendliche Bibliothek - Kunst des und über das Lesen


  
links: Christoph Westermeier · Susi Gern, Charles Bronson und die Marilyn, 2015. Installationsansicht ©ProLitteris. Foto: Nicola Schröder
rechts: Veronika Spierenburg · From Right to Left, 2009, Videoprojektion, 16'


Im Kosmos der Bücher liegen die unterschiedlichsten Welten verborgen. «Unendlich» ist schliesslich nicht nur der Erfindungsreichtum der Schreibenden. Oft sind es ja gerade vermeintliche Grenzen, die den grössten Reiz ausüben. Zu ihnen zählt die Unterscheidung zwischen Empirie und Fiktion genauso wie die­jenige zwischen Kunst und Trivialität. Der Anlass für eine Ausstellung zu diesem Thema unter dem Titel ‹Unendliche Bibliothek. Eine Ausstellung zur Kunst des Lesens› hat sich mit der letztjährigen Wiedereröffnung des Kulturzentrums in der Alten Fabrik und gleichzeitigen Einweihung der neuen Stadtbibliothek ergeben. Die vormalige KURATOR*-Stipendiatin der Gebert-Stiftung Alexandra Blättler hat dazu Werke der Gegenwartskunst zusammengetragen, die sich im weitesten Sinne mit Büchern und Bibliotheken befassen und nun einen Eindruck vermitteln, dass Bücher für Kunstschaffende nicht nur Fundus, sondern auch Ausdrucksmedium oder Objekt sind.
Der Aspekt einer unendlichen Bibliothek wird an mehreren Stellen als roter ­Faden aufgegriffen. ‹The Infinite Library› von Daniel Gustav Cramer und Haris Epaminonda beispielsweise stellt die Kreation von Büchern aus Elementen vorgängiger Exemplare vor. Entsprechend der endlosen Kombinierbarkeit von Materie werden Bilder und Texte zu neuen Sinneinheiten zusammengefügt. Auch Saâdane Afifs ­Arbeit ‹The Fountain Archive› ist gewissermassen eine solche «never ending story». Seine Sammlung von Artikeln zu Duchamps Ready-Mades hat etwas von einer Fortsetzungsgeschichte und wirft unter anderem die Frage nach Autorschaft und Aneignung auf. In dieses Feld reicht auch die aktuelle Arbeit von Christoph Westermeier, die am Roman ‹Der Lebenslauf der Liebe› von Martin Walser ansetzt. Der Roman um den kuriosen Aufstieg und Fall eines Düsseldorfer Anwaltsehepaars basiert auf ­einer wahren Begebenheit. Westermeier hat die heute in Armut lebende Protagonistin in der Realwelt aufgesucht. Aus seiner fotografischen Auseinandersetzung ist ­eine atmosphärische Rauminstallation entstanden. Sozusagen eine Inszenierung des Nicht-Lesens steuert dagegen Veronika Spierenburg mit dem Video der Performance ‹From Right to Left› bei. Dafür hat sie 2009 in der Finnischen Nationalbibliothek eine auf Stühlen angeordnete Gruppe von Leuten zeitgleich die Seiten einer Enzyklopädie umblättern lassen. Entstanden ist ein vielschichtiges Gesamtbild, das physische, akustische und architektonische Anteile ins Spiel bringt.

Bis: 29.03.2015


Lesung Dorothee Elmiger, 5.3., 19.30 Uhr



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Ausgabe 3  2015
Autor/in Nicola Schröder
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