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Besprechung
3.2015


Susann Wintsch :  Der Kunstraum ‹Counter Space› ist seit Ende 2014 an der Röschibachstrasse 24 domiziliert und eröffnet dort sein Programm mit einer Einzelausstellung des Zürcher Künstlers Chris Bünter, die sich der ausufernden Dimension einer der grossen Ideologien des 20. Jahrhunderts nähert - aus indexikalischer Distanz.


Zürich : Chris Bünter - Angstpisse


  
Chris Bünter · Stellvertreter SGA, ca. 1990, Quellmaterial, Sperrholz, 23x17x0,4 cm, Courtesy Counter Space ©ProLitteris. Foto: Tashi Brauen


Eine gedämpfte Wortkaskade erfüllt den Raum. Sie entspringt Lautsprechern, die teilweise hinter Verschalungen verborgen sind. Um die Stimmen zu verstehen, muss man das Ohr nahe an die Box halten. Die Soundinstallation beginnt schon im Eingangsbereich. Dort dringt eine Männerstimme aus der Decke, die 16 Minuten lang Begriffe und Begriffshaufen, die das Wort Angst enthalten, vorliest: «[...] Angst als psychiatrisches Problem, Angst als Ressource und Störung, Angst am Abgrund, Angst an der Leine des Christentums, Angst auf allen Etagen, Angst bei Søren Kierkegaard, Angst, die aus der Kälte kommt, einst aus der Bildröhre drang und heute von Flat-Screens strahlt, Angstpisse [...]» Was wir auffangen, sind keine intimen Geständnisse. Dennoch entfalten die indexikalischen Wortklumpen, die im Übrigen ganz und gar vergnüglich anzuhören sind, weil sie Angst so übergenau und trocken identifizieren, später vielleicht einen solchen im Magen.
Auch finden wir eine «Angstakustikliste», die das Schöne mit dem Schrecken verbindet, und einen Chor, der aus dem Hörer des Wandtelefons klingt und einzelne Stimmen aufeinandertürmt, weiterhin die Tür-und-Tor-Liste, die sich für Türken und Nordafrikaner, für das Schweigen, für Träume und zu allem Unfug öffnen. Alles gipfelt in der ‹Stellvertreterliste SGA›. Sie besteht aus der Beschriftung auf den hölzernen Unterteilungen, welche einst den Bestand der ‹Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung› thematisch geordnet hatten. Die SGA wurde im Jahr 1940 aus der privaten Sammlung von Paul Theodor (Theo) und Amalie Pinkus gegründet und umfasste 50'000 Bücher zur kommunistischen Bewegung im 20. Jh., etwa zu Frühsozia­lismus und Klassenkampf, Anarchie, Arbeiterhilfe, Faschismus, Asylrecht, Stalinismus, zu Luxemburg, Gramsci, Mao Zedong und zur Zürcher Jugendbewegung. Nach ihrer Auflösung gingen die Bücher in der Zürcher Zentralbibliothek auf. Ihre neue ­Position verbirgt sich heute im Schlagwortverzeichnis der «Fachgebietsliste ZBZ».
Ein herrlich überdrehter «Bericht» informiert über die «Analyse der öffentlichen Schreck- und Schauderschriften aller regionalen Wahnwesen», die offenbar in einer Handschrift des Künstlers zusammengefasst sind. Auszüge davon sind als Faksimile in einer Künstleredition für CHF 10 zu haben. Diese und weitere Objekte erzählen die x-fache Transformation von Schriften einer weltumspannenden Ideologie, deren gewaltige Träume Angst vor und um ihre Errungenschaften auslös(t)en.

Bis: 14.03.2015



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Ausgabe 3  2015
Ausstellungen Chris Bünter [31.01.15-14.03.15]
Institutionen Counter Space [Zürich/Schweiz]
Autor/in Susann Wintsch
Künstler/in Chris Bünter
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