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3.2015




Genf/Cologny : ‹Sade, un athée en amour›


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Anonym · Porträt Lauras (alias Laure de Sade, geb. de Noves) mit roter Blume, 18. Jh., aus der Sammlung Jacques-François de Sades (Onkel von Sade). Foto: Naomi Wenger
rechts: Gibsabguss des Schädels (Donatien ­ ­Alphonse François de) Sades, Musée Flaubert et d'histoire de la médecine, ChU Rouen. Foto: Bruno Maurey


Aus Anlass des 200. Geburtstags de Sades (1740-1814) holte das Musée d'Orsay einige der deftigsten Bilder aus Kunst- und Kulturgeschichte - 2010 bereits im Kassenschlager ‹Crime et châtiment› zu sehen - wieder in die Säle. Diesmal wurde jedoch nicht nur auf Werke aus der Zeit der Französischen Revolution 1789 bis zur Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich 1981 zurückgegriffen, die zeigen, wie damals vergewaltigt, in der Gruppe gevögelt, ausgepeitscht, gehäutet und geköpft wurde, sondern es werden auch Bilder von ­Botticelli (1444/5-1510) bis Bacon (1909-1992) präsentiert - ausgehend davon, dass von Sade lange wohl kaum mehr als das Wort «Sadismus» für die Lust am Quälen im Sexual- und weiteren Leben bekannt war. Die aktuelle Ausstellung in der Fondation Martin Bodmer bildet deshalb ein wertvolles Gegengewicht zu diesem musealen Porno- und Horrorfilm ohne Suspense. Die von Michel Delon, dem Herausgeber Sades bei Gallimard, kuratierte Schau ermöglicht es, den Aristokraten als den «homme de lettres» neu zu entdecken, als den er sich selbst stets gesehen hat. Auch wenn die Schau noch früher einsetzt und die Gegenwart nicht scheut, werden darin präzise Linien zu und weg von Sades Texten gezogen. Sein Leben wird in der autografischen Korrespondenz fassbar, die seine Nachfahren nun erstmals freigeben. Eindrücklich ist zudem auch der Körper, dem Sade als erster Autor kategorisch Raum verliehen hat, in der buchstabenreichen Genfer Ausstellung präsent. Zwischen Fleisch und Bein des Autors selbst ist er gleichsam aufgehängt: Zu Beginn der Schau hängt ein Porträt der von Petrarca (1307-1384) nur einmal erblickten, dann aber ein Leben lang besungenen Laura alias Laure de Sade (geb. de Noves). Mittlerweile ist erwiesen, dass in einer ihrer Eizellen auch bereits die Gene desjenigen Sade schlummerten, der einige Jahrhunderte später die prosaische Antithese zu diesem Höhepunkt metaphysischer Liebeslyrik im Abendland liefern sollte. Das Ende der Schau bildet ein abgegossener Schädel Sades, anhand dessen Jacques Chessex (1934-2009) in seinem letzten Roman gegen die Versuchung einer altersmilden Rückkehr zur elterlichen Religion anschrieb: gegen den Puritanismus, Repression und Sublimation seiner abgründigen Imagination. Sades grosse und mit 27 Jahren Gefängnis bezahlte Fragen an die Philosophie der Aufklärung, die in der Schau umkreist werden, sind indes ungelöst: Was ist mit der Liebe im von La Mettrie über Voltaire bis Diderot verteidigten Atheismus, und überhaupt mit der Natur des Menschen, zu deren Rückkehr Rousseau geblasen hatte? Als Prüfstein des modernen Humanismus ist deshalb de Sade nach wie vor hoch aktuell.

Bis: 12.04.2015



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Ausgabe 3  2015
Ausstellungen Sade, un athée en amour [06.12.14-12.04.15]
Institutionen Fondation Bodmer [Cologny/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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