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3.2015




Zürich : Seline Baumgartner


von: Claudia Jolles

  
links: Seline Baumgartner · Before the Future, 2015, Video HD 11'39', Tänzer: Meg Harper, Jon ­Kinzel, Vicky Shick, Keith Sabado
rechts: Seline Baumgartner · As Everything Fades, 2015, (Packard Plant), Holzklötze, Staubmuster, Holzboden aus der Packard Plant in Detroit. Beide Fotos: Lorenzo Pusterla


hhh-hhh-hhh-hhh... Wir sehen und hören zunächst dasselbe: Sanft rollt Welle um Welle gegen den verlassenen Strand und zieht sich wieder zurück - als ob das Meer atmen würde. Dann schreiten vier Tänzer ins Bild, eingemummt in Jacken und Mützen. Nun scheinen sie diejenigen zu sein, deren Atemzüge wir - mal locker, mal gepresst, mal pfeifend, mal gurgelnd - hören, während sie in wechselnden Konstellationen zu immer neuen Bewegungsabläufen ansetzen, ohne jedoch über kurze Sequenzen hinauszukommen. Auch hier überlagern sich Bild und Ton, verstärken sich und lassen gleichzeitig durch feine akustische und optische Interferenzen deutlich werden, dass die Atemgeräusche doch nicht von den Tänzern, sondern aus einer anderen Quelle stammen. Wer führt hier die Choreografie? Was wird gespielt? Imitieren die Figuren die aus dem Meer aufragenden verrotteten Holzpfähle? Den Kran eines am fernen Horizont vor sich hindümpelnden Lastkahns? Oder das Rollen der Wellen? Letztlich ist es gleichgültig. ‹Before the Future› erzählt keine schlüssige Geschichte. Und erst im Close-up erkennen wir: Die Tänzer sind nicht mehr jung und doch sind die Gesichter im Abendrot voll pulsierenden Lebens.
Zeit wird im Alltag meist als Verlust - vergangen - oder als Versprechen für die Zukunft wahrgenommen. Doch Seline Baumgartner, (*1980), die diesjährige Preisträgerin der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung, spürt in ihren Werken einer anderen Qualität von Zeit nach. Sie schildert Momente der Intimität, der Begegnung, der Trennung, des Innehaltens und des Glücks, wenn hier bspw. die letzten Sonnenstrahlen des Tages eines der Gesichter am Strand zum Leuchten bringen. Der Titel des Videos bezieht sich auf ein Buch des italienischen Philosophen und Medienkritikers Franco Berardi ‹After the Future›. Zukunftslosigkeit bedeutet bei Baumgartner allerdings nicht Melancholie, sondern Widerstand. So erzählt der Protagonist im Video ‹Belle Isle›, 2015 , aus dem Off von seiner bipolaren Störung, der Zwangseinlieferung in eine amerikanische Klinik und schildert seine Auflehnung gegen eine Gesellschaft, in der «psychische Instabilität eine Straftat ist». Gleichzeitig gleitet die Kamera in langsamer Fahrt durch einen verlassenen Wildpark, zeigt zerfallene Gehege und überwucherte Publikumsstege und liefert so zur Erzählung eine atmosphärisch dichte Bildspur.
Etwas abstrakter wirkt die Installation ‹As Everything Fades› mit verkohlten Bodenklötzen aus einer der ersten, mittlerweile stillgelegten Autoproduktionsstätten in Detroit. Auch dieses Versprechen hat seine Zukunft hinter sich. Doch Baumgartner zeigt auf, wie sich vor den russgeschwängerten Zerfallsspuren eine andere, möglicherweise weniger materielle Welt imaginieren lässt: indem sie die Teile auf- und umschichtet - und so wieder mit Atem füllt.

Bis: 01.03.2015



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Ausgabe 3  2015
Ausstellungen Seline Baumgartner [16.01.15-01.03.15]
Institutionen Kunstraum Walcheturm [Zürich/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Seline Baumgartner
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