Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
4.2015


 Die Frauen in Elisabeth Llachs Bildern sind stark und schwach, keusch und erotisch, verwirrend und verwirrt. Die Künstlerin ­arbeitet in ihren Bildern mit Frauenmotiven aus Kunstgeschichte und Medien. Sie nimmt Vamps und Naive, starke Verführerinnen und brave Mädchen, demontiert sie, verdreht sie, setzt sie zu ­bizarren, bedrohlichen und bedrohten Figuren zusammen. Llachs exzellent gemalte Frauenbilder bündeln in sich die ­Widersprüche unserer Gesellschaft, die sich oft aufgeklärter und gleichberechtigter gibt, als sie es im Kern ist.


Elisabeth Llach - Klischees und Zerrbilder weiblicher Erotik


von: Alice Henkes

  
links: Totchic 1, 2014, Acryl auf Leinwand, 165x106 cm. Foto: Geoffrey Cottenceau
rechts: Himmel, Arsch und Zwirn, 3, Acryl auf Leinwand, 65x57 cm. Foto: Geoffrey Cottenceau


Das blonde Engelshaar kräuselt sich ganz wie auf den Gemälden von Albrecht ­Dürer. Der armlose Torso erinnert eher an die zerteilten Schaufensterpuppen, wie sie in Kaufhäusern, in den verschiedenen Abteilungen oft zu sehen sind: die Beine in der Strumpfabteilung, der Kopf ist für die Hüte da. Das Gesicht auf dem Gemälde aus der Serie ‹Totchic›, 2014, ist kindlich, weich und verletzlich, die Brüste hingegen sind gross, mütterlich, prall. Dieser eigenartige Oberkörper, der wie aus Mosaiksteinchen verschiedener Vorstellungen von Weiblichkeit zusammengefügt ist, scheint losgelöst über den dunkel bestrumpften Beinen zu schweben. Die Frau auf diesem Gemälde, die Frau im Werk von Elisabeth Llach ist ein höchst ambivalentes Wesen.
In ihre Gemälden und Zeichnungen bringt Elisabeth Llach Motive aus Kunst­geschichte und Medien zu neuen Figuren zusammen. Die Arbeiten der Serie ‹Totchic› entstanden während eines Gastaufenthalts im Sommer 2014 in Wien. Dort hatte die Künstlerin die Möglichkeit, fern familiärer Verpflichtungen jeden Tag intensiv zu ­arbeiten und die reichhaltigen Museumssammlungen der Stadt zu besuchen. In der Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte interessiert die aus Neuchâtel gebürtige Künstlerin besonders die Darstellung des Menschen, der Frau vor allem, die in der abendländischen Kulturgeschichte immer schon ein zentrales Motiv war.
Der Mann, das ist ganz allgemein der Macher. In die Welt der Kunst übertragen bedeutet das, er ist der Maler oder der Auftraggeber des Kunstwerks. Die Frau ist das Objekt, der attraktive Körper, das anziehende Gesicht, die Verlockung, die Trophäe, aber auch die sündige Versuchung. In den drei grossen monotheistischen Kulturen sind diese Vorstellungen tief verwurzelt. In den westlichen Gesellschaften bedient sich die Werbung der Bilder von der verführerischen Frau. Die muslimische Welt verhüllt die weiblichen Reize - Haar, Gesicht, Körper - um, angeblich, die männlichen Gedanken nicht zu verwirren. Macht und Ohnmacht verbinden sich in eigentümlicher Weise im weiblichen Erscheinungsbild. Wie kann eine Künstlerin damit umgehen?

Spiel mit erotisch aufgeladenen Frauenbildern
Llach nimmt die tradierten Frauenbilder auseinander, sie spielt mit den Insignien der zarten Unschuld, der sündigen Verführerin, der bösen Hexe und setzt sie neu zusammen. Ähnlich wie die Spiegel eines Kaleidoskops erzeugt sie Bilder voller Brüche, scharfer Kanten, verblüffender Nachbarschaften. Süsse Engelchen und verruchte Vamps mutieren zu bizarren Monstren und Zerrbildern der Weiblichkeit. Merkmale sehr unterschiedlicher Rolleninterpretationen finden da zusammen. Ein erschrockenes Kindergesicht und Brüste wie aus dem Katalog eines plastischen Chirurgen zum Beispiel. Die Frauenfiguren, die so, wie in einer Collage, entstehen, wirken oft wie verdreht, verkantet. Etwas Morbides, etwas Groteskes geht von diesen Frauenbildnissen aus. ‹Totchic›, der Titel ihrer neuen Bildserie, greift Llachs Arbeitsweise auf. Das umgangssprachliche Adjektiv verdankt seine Entstehung angeblich der schweren Zunge des letzten deutschen Kaisers, der das französische «tout chic» zum «totchic» zerkaute. Aber auch der dem Wort innewohnende Kontrast zwischen Tod und Eleganz fügt sich bestens zu den Bildern, in denen die Motive sich aneinander reiben und knirschen. Diese verzerrten Frauenfiguren wirken oft, als habe ein Kind seinen Puppen die Gliedmassen herausgeschraubt und dann alles ganz willkürlich neu zusammengesetzt.
Das Bild vom Spiel gefällt Llach, die in ihrer Arbeit eine gewisse Leichtigkeit feststellt. Als Frau habe sie die Freiheit, mit Frauenbildern zu machen, was sie wolle. Als Künstlerin, welche die Frau in der Kunst zu ihrem Thema macht, habe sie eine enorme Freiheit - und die macht sie sich zunutze. Mit ihren oft als «surreal» titulierten Gemälden hält Llach der Welt eine Art Zerrspiegel vor, der zeigt, dass die westlichen Gesellschaften, die sich gern emanzipiert geben, doch noch immer einen Teufelsschweif an überkommenen Rollenklischees mit sich tragen.
Wie eine Frau sein darf, sein muss, was sie von sich zeigen darf oder soll, das beschäftigt Elisabeth Llach. Das klingt auch bereits im Titel ihrer Ausstellung an: ­‹A-t-elle le droit de montrer ses extremités?› Ein Titel, der ihr in den Sinn kam, als sie bei Tania Blixen auf Etikettefragen traf, in denen die Schicklichkeit der Zurschaustellung von Füssen und Waden diskutiert wurde. Was darf eine Frau zeigen? Was darf eine Künstlerin darstellen? Und was darf gezeigt werden, wenn es bei den Extremitäten nicht allein um Körperteile geht, sondern um emotionale Extremzustände?
«Ich fühle mich manchmal wie eine Hexe, die herausfordert», sagt Llach. Männer werden von dieser künstlerischen Hexerei im Allgemeinen stärker herausgefordert als Frauen. Oft fühlen sie sich abgestossen. Sie sind irritiert, dass eine Frau diese abgründigen, aber auch erotisch aufgeladenen Frauenbilder gestalte, vermutet Llach.
An Motiven aus Museen und Medien schätzt die Künstlerin, dass sie allen gehören, sich ins kollektive Bildgedächtnis einschreiben, das gesellschaftliche Bild von der Welt mitbestimmen. Indem sie Motive aus dieser Bildwelt aufnimmt, schreibt Llach sich in eine dicht gewobene visuelle Welt ein, die sie zugleich zu durchdringen sucht. Dabei geht sie nicht systematisch kommentierend vor, sondern bildet aus dem vorgefundenen Bildmaterial neue Strukturen, assoziationsreiche Verbindungen, vielschichtige Gewebe.

Motive aus Museen und Medien
Das zeigt sich besonders deutlich in einer zweiten grossen Serie, welche die Künstlerin im vergangenen Jahr begonnen hat: ‹Himmel, Arsch und Zwirn›. Der Titel der Serie zeugt erneut von Llachs Vergnügen an sprachlichen Auffälligkeiten. Der bayrische Kraftausdruck klingt in den Ohren der frankophonen Künstlerin, die ausgezeichnet Deutsch spricht, «wie eine Explosion». Der Titel ist mithin eine wunderbare lautmalerische Umsetzung dessen, was Llach mit stupender Könnerschaft auf die Leinwand bringt. Mit Acrylfarbe malt sie offene Gebilde, Körperverkettungen, bei denen kaum ersichtlich ist, wo ein Körper anfängt und ein anderer aufhört.
Und es sind wahrhaftig Explosionen, die Llach ohne Vorzeichnung malt: Brüste, Beine, Haare, Schenkel, Schwanenhälse scheinen aus dem hellen Bildgrund heraus zu wachsen und zu drängen. Die Figuren, die Körperteile und Tiere, die mythologischen und erotischen Zeichen sind chaotisch ineinander verschlungen, die Farben sind zurückhaltend. «Die Farbe fordert viel Raum», sagt Llach. «Wenn sie zu präsent wird, sperrt sie die Form ein.» Ihr ist es wichtig, Bewegung in der Malerei entstehen zu lassen. «Ich wollte, dass die ganze Bewegung zusammenpasst. Deswegen muss die Farbe sich ein bisschen zurückhalten», erklärt die Künstlerin, die neben einem Sinn für herausfordernde Motive auch ein grossartiges gestalterisches Gespür besitzt. Dank ihres grossen malerischen Könnens ist sie in der Lage, mit ihren Bildern jenes Gefühlsgemisch aus Faszination und Irritation zu wecken, in dem sich das beklommene Staunen spiegelt und bricht, das sich mit Blick auf die Rollen, die Frauendarstellungen in Künsten und Medien spielen, einstellt.
Alice Henkes (*1967, Hannover), Studium Germanistik und Soziologie, arbeitet als Kulturredaktorin für das «Bieler Tagblatt» und als freie Kunstkritikerin und Kuratorin. Sie lebt in Biel. alice.henkes@bluewin.ch


Bis: 25.06.2015


Elisabeth Llach (*1970, Neuchâtel) lebt in La Russille
1995 Art Degree der Kantonalen Hochschule für Kunst und Design, Lausanne

Einzelausstellungen (Auswahl)
2012 ‹Silberregen›, Elisabeth Llach und Luc Andrié, Katz Contemporary, Zürich; ‹9=10›, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne
2011 ‹Russillllllllle›, Davel 14, Cully; Villa Flor, S-chanf
2010 «Alles wird gut - Tout ira bien›, prix Accrochage, Musée des Beaux-Arts, Lausanne
2009 Galerie Art Actuel, Nyon, Switzerland
2008 ‹Là où je vais›, Printemps de Septembre, Toulouse, France
2005 ‹Et ce n'est pas fini›, Mamco, Genf; ‹Aux pays des merveilles›, Galerie bk/Bernhard Bischoff, Bern

Gruppenausstellungen (Auswahl ab 2010)
2015 ‹Ok Heïdi›, Makrout unité collectif, Galerie Duflon-Racz, Bern
2014 ‹Lupanar›, Forma, Lausanne
2013 ‹De l'inachevé›, dessin, Lausanne
2012 ‹Meret's Funken›, Kunstmuseum Bern; ‹Meeting Elsewhere - Swiss Contemporary Woman's Art Exhibition›, He Xiangning Art Museum, Shenzhen
2011 Röntgen 10 - Temporary Dependance of Katz Contemporary, Nicola von Senger, Rotwand, Zürich; ‹Arts Pluriels› Château de Réchy, Sion
2010 ‹Des seins à Dessein, Espace Arlaud, Lausanne; ‹Attraits clandestins›, Katz Contemporary, Zürich



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Elisabeth Llach [31.01.15-26.04.15]
Institutionen Espace de Andrés-Missirlian [Romainmôtier/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Elisabeth Llach
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=150312101112K6B-1
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.