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Fokus
4.2015


 Der Geruchssinn ist bis heute auch in der Kunst als niederer Sinn weitgehend verpönt. Dagegen zeigt die aktuelle Schau ‹Belle Haleine - Der Duft der Kunst› im Museum Tinguely unter­schiedliche Zugänge zum Geruchssinn vom Barock bis zur ­Gegenwart. Im grösseren post-medialen Kontext verbinden sich mit Gerüchen häufig Fragen zu Körper und Raum. Die Arbeiten von Anna-Sabina Zürrer öffnen weitere Perspektiven. Sie fokussieren auf kulturell aufgeladene Materialien und lassen naturwissenschaftlich-technische Verfahren auf die prekäre Mate­rialität von Düften stossen.


Anna-Sabina Zürrer - Die Suche nach der Essenz


von: Claus Noppeney
von: Ashraf Osman

  
links: Solitude, 2014, Glasfläschchen, 100% natürliches Öl, destilliert aus einem Querschnitt aller Pflanzen des Solitude-Parks Basel, 27ml, ca. 3,5x3,5x7 cm. Foto: Sibylle Kathriner
rechts: Auslese (Meisterwerke), 2014, Performances, Installation, Kabinettausstellung im Kunstmuseum Luzern. Foto (Performance): Sibylle Kathriner


Wie verändern sich Materialzustände? Ist ein Buch noch ein Buch, wenn es in flüssiger Form vorliegt? Was bleibt, wenn man es in Wasser auflöst? Was ist seine Essenz? Anna-Sabina Zürrer ist eine künstlerische Forschernatur. In ihren Arbeiten bearbeitet sie mit oft ungewohnten Verfahren immer wieder neue Materialien wie u.a. ­Bücher, Bilder, Fotografien. Dabei beschleunigen chemische und physikalische Prozesse den Zerfall oder die Umwandlung des Materials: «Es ist meistens nachher weniger sichtbar. Das Material ist weiterhin da - aber in neuer Form», beschreibt Zürrer ihre Arbeitsweise. Tatsächlich kommen ihre Arbeiten visuell oft sehr reduziert daher, so auch in der aktuellen Ausstellung im Tinguely Museum Basel.

Dort holte sie die angrenzende Solitude-Parkanlage in die Ausstellung - in Form einer kleinen Infusionsflasche samt 27ml Öl. Das ätherische Öl wurde aus drei Kubikmetern Pflanzenmaterial aus dem Park gewonnen. Auch wenn man das Öl unter einem Glaskasten nicht riechen kann, geht es hier um den Duft. Wer sich in der Ausstellung hinter die Arbeit stellt, kann aus der Nische auf den Park blicken und in der eigenen Vorstellung die Verbindung zwischen Flasche und Park knüpfen: Können wir uns einen Geruch vorstellen, den wir noch nicht bewusst wahrgenommen haben? Mit der Frage nach unserer Vorstellungskraft fordert die Arbeit dazu auf, eine Leerstelle gedanklich zu füllen. Die Frage vermeidet die Fallstricke eines olfaktorischen Naturalismus, der eine lediglich konstruierte Gesamtheit - hier beispielsweise das Gemisch aus Pflanzen, Sträuchen, und Baummaterial - als sinnliche Mimesis präsentiert.

Verschwindende Meisterwerke
Ausgangspunkt für die Arbeit ‹Auslese (Meisterwerke)›, 2014, die kürzlich als ­Kabinettausstellung im Kunstmuseum Luzern zu sehen war, ist eine Sammlung von gerahmten Diapositiven mit den Ikonen der Kunstgeschichte. Eine Schule hatte sie als Lehrmaterial aussortiert. Einzelne Dias begannen bereits aus dem Rahmen zu rutschen. Für die Ausstellung hatte Zürrer einen Diaprojektor so umgerüstet, dass ein Dia während der Projektion in einen Glasbehälter eingetaucht werden konnte, der wiederum mit Chemikalien gefüllt war. Im Anschluss an die öffentlichen Führungen lud Zürrer jeweils zu einer Performance ein. In diesem Rahmen projizierte sie dann eine kleine Auswahl von Meisterwerken an die Wand. Nach wenigen Minuten setzen die Chemikalien einen Auflösungsprozess frei: Die aus der Schule bekannten Meisterwerke verflüchtigten sich in intensiven Minuten des Übergangs. Sie verschwanden vor den Augen der Besuchenden in einer Laborsituation und hinterliessen auf den Diapositiven neue Bildspuren: «Ich wollte das, was ich zeige, zum Verschwinden bringen», erläutert Zürrer ihre Strategie.
Am Ende wurden die ausgewaschenen Dias auf Nadeln montiert und alsdann in Insektenkästen, wie man sie aus einem Naturkundemuseum kennt, präsentiert. Was oberflächlich als verfahrenstechnisches Experiment daherkommt, erweist sich untergründig als Suche nach den Grenzen des Visuellen: «Es ist stark, wenn am Ende nichts mehr da ist.» Mit anderen Worten: Die Frage nach der Essenz der Meister­werke führt zu einer neuen Ordnung.
In der aktuellen Ausstellung ‹Belle Haleine - Der Duft der Kunst› im Museum ­Tinguely ist Zürrer mit zwei Arbeiten vertreten. Kurz nach ihrem Studium in Luzern war sie mehr zufällig auf den Geruchssinn gestossen: Eine alte Redewendung spricht davon, dass man ein anspruchsvolles Buch erst einmal «verdauen» müsse. Metaphorisch muss ein Buch also zerkleinert und zersetzt werden. Tatsächlich hatte Zürrer in ihrer Arbeit ‹Literate›, 2008, alte Bücher zerrissen, in Wasser aufgelöst, püriert und ausgepresst. Die pampige Masse wurde anschliessend filtriert: «Aus jedem Buch gewann ich so eine andersfarbige Flüssigkeit. Diese rochen extrem nach alten Büchern», erinnert sich Zürrer an das Projekt. Die Ausstellung zeigte dann das wässrige Konzentrat in zehn offenen Gläsern, die mit dem jeweiligen Autor und Titel angeschrieben waren. In der Rezeption der wässrigen Flüssigkeiten leben die Bücher durch den Geruch. Mögen sie auch aus dem Gesichtsfeld verschwunden sein, der ­Geruch sorgt für ihre neue Präsenz. Ja, der Geruch steigert sogar die Präsenz des Materials: ein subtiles Wechselspiel zwischen den Sinnen. Denn tatsächlich überdeckt der heute dominante Sehsinn allzu oft die Möglichkeiten olfaktorischer Erfahrungen: «Der Geruch ist das Ergebnis von sehr viel Weggelassenem», stellt Zürrer im Rückblick fest. Auf der Suche nach der Essenz stiess sie so auf den Geruchssinn.

Erinnerungen an die Schulzeit
Auf ein weiteres künstlerisches Potenzial des Geruchssinns weist das Kunst+Bau- Projekt an der Kantonsschule Obwalden in Sarnen. Bei der Analyse der Architektur war der Künstlerin das Gangsystem aufgefallen. Es erinnerte sie an Maulwurfs­gänge, mit deren Volumen sie plastisch arbeiten wollte. Aus Gesprächen mit Ehemaligen wusste sie um die Bedeutung des Geruchs in den Erinnerungen an die Schulzeit: der Kaffeeduft aus dem Lehrerzimmer oder der Geruch des Linoleumbodens. Diesen Gerüchen konnte man sich nicht entziehen, so dass sie in persönliche Erinnerungen und in das kollektive Gedächtnis der Schule eingingen. Die Arbeit ‹Duftnoten›, 2010/11, deutet nun das gesamte Luftvolumen der Gänge des Schulgebäudes als eine grosse und begehbare olfaktorische Plastik. Sechs deckenbündig eingebaute Kaltverdunster verbreiten auf den Gägen den feinen Geruch aus natürlichen ätherischen Ölen. Die vierteljährlich wechselnden Duftmischungen gehen auf die klimatischen Bedingungen der jeweiligen Jahreszeit ein und werden aus einheimischen Pflanzen gewonnen. Sie verleihen der unsichtbaren Plastik aus 4500m3 Luft einen wandelnden Charakter. Ebenso sorgen auch die Essens- und Körpergerüche, die sich im Schulalltag mit und in der Plastik mischen, für die Dynamik der Arbeit.

Sinnliche Potenziale
Zürrer hat den Geruchssinn bewusst nicht zum zentralen Thema ihrer künstlerischen Arbeit gemacht. Sie zählt sich nicht zur Bewegung der olfaktorischen Kunst, wie sie in der Basler Ausstellung durch Peter de Cupere, Sissel Tolaas oder Claudia Vogel vertreten wird. Doch nutzt sie in ihrer Auseinandersetzung mit Zustandsveränderungen gängige Verfahren aus der Aromachemie: destillieren, extrahieren, filtrieren. So reduziert ihre Arbeitsweise kulturell aufgeladenes Material auf einen flüchtigen Bestandteil. Diese künstlerische Strategie führt immer wieder über die Grenzen des Visuellen hinaus. Denn in der Bearbeitung des Materials zeigen sich sinnliche Potenziale jenseits des Sehsinns. Das Material wird transparent - bis zum Verschwinden. So verbindet sich das Interesse für unscheinbare Qualitäten mit dem Ephemeren der Gerüche und Düfte.
Claus Noppeney und Ashraf Osman, Hochschule der Künste Bern und Scent Culture Institute, scentculture.institute. claus.noppeney@hkb.bfh.ch


Bis: 17.05.2015


Anna-Sabina Zürrer (*1981, Zürich) lebt und arbeitet in Sachseln OW
2008 Diplomabschluss mit Auszeichnung, Hochschule für Gestaltung & Kunst Luzern
2004-2008 Studium ‹Ästhetische Erziehung/Kunst & Vermittlung›, Hochschule für Gestaltung & Kunst Luzern
2003-2004 Vorkurs, Hochschule für Gestaltung & Kunst Luzern

Einzelausstellungen
2014 ‹Auslese (Meisterwerke)›, Kabinettausstellung, Kunstmuseum Luzern
2012 ‹Meta Bolie›, Hilfiker Kunstprojekte, Luzern

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2015 ‹Belle Haleine›, Museum Tinguely, Basel
2013 ‹Shades of Time›, Kunsthaus Zug
2012 ‹Uund›, Kunstraum Aarau
2011 ‹5X5Castello11›, EACC-Espai d'Art Contemporani de Castelló, Spanien (nominiert von Pipilotti Rist); ‹Le Choix de Paris›, Cité Internationale des Arts, (kuratiert von Elsy Lahner) Paris
2010 ‹Impression›, Kunsthaus Grenchen; ‹inside out, teil2›, Kunsthalle Luzern



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Belle Haleine [11.02.15-17.05.15]
Video Video
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Claus Noppeney
Autor/in Ashraf Osman
Link http://scentculture.institute/
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