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Fokus
4.2015


 Vergangenes kann bisweilen sehr lebendig sein, was eine Ausstellung im Zürcher Helmhaus anschaulich vor Augen führt. Zwölf künstlerische Positionen aus der Schweiz beschäftigen sich mit Geschichten, die eigentlich abgeschlossen sind, jedoch in Gegenwart und Zukunft ausschwingen. Nicht selten knüpfen sie an Schreckliches an.


Geschichten - Künstlerinnen und Künstler erzählen: Was war, was ist und was kommt


von: Brita Polzer

  
links: Christina Hemauer, Roman Keller · Energetische Hausentstörung, 2014/2015, Installation der Kopfhörer beim Empfangsdesk. Foto: FBM Studio
rechts: Annette Amberg · 3728, 2015, von Hand gebogenes Glas gefüllt mit Neongas, Transformator, Kabel. Foto: FBM Studio


Es ist die Erinnerungsfaehigkeit, die den Menschen zum Menschen macht, ohne sie koennen wir keine Identitaet aufbauen. Der Blick zurueck ist fuer das individuelle und ebenso fuer das kollektive Selbstbewusstsein wichtig. Die Ausstellung versammelt Kuenstler/innen, die sich mit ihrer privaten Familiengeschichte auseinandersetzen und auch mit dem, was man kollektive Erinnerung nennt, mit weit zurueckliegenden Ereignissen, an die sich Individuen kaum erinnern koennen. Deren Vergegenwaertigung ist dennoch wichtig, um ein Selbstverstaendnis fuer bspw. Nationen und Firmen oder auch Gebaeude aufzubauen. Die kollektive Erinnerung neige jedoch zu Verengung und Verfestigung, stellt die Historikerin Aleida Assmann fest, und gerade kuenstlerische Werke koennten hier Erneuerung bringen, indem sie die straffen Grenzen zwischen dem Erinnerten und dem Vergessenen infrage stellen und neu gewichten.

Geschichten vom Helmhaus Zwei fuer die Ausstellung speziell angefertigte Arbeiten beschaeftigen sich mit dem Helmhaus und holen ans Licht, was vermutlich niemand oder nur wenige wussten. Was hat es auf sich mit Annette Ambergs (*1978) der eigenen Handschrift aus Glas nachgebogenen kryptischen Ziffern: 3728? Die Zuercher Kuenstlerin hat vom Jetzt aus einen Zeit-Strahl in die Vergangenheit und einen gleich langen in die Zukunft geschickt. Vor 1713 Jahren wurden, wo sich heute das Helmhaus befindet, die Geschwister Felix und Regula, Zuericher Stadtpatrone und Heilige, gekoepft. Was anno 302 passierte, ist vage festgehalten und in unseren Koepfen irgendwie verankert. Was aber in 1713 Jahren in der Zukunft, anno 3728, an diesem Ort sein koennte, entzieht sich jeglicher Vorstellungskraft. Wird die Wasserkirche noch existieren, die Stadt Zuerich noch vorhanden sein, Religionen noch zu Mord und Totschlag verfuehren? Mit leichter Geste gelingt es Amberg, unfassbare Zeitraeume plastisch zu machen. Auch ohne an die Hinrichtung von Felix und Regula zu erinnern, ist bzw. war das Haus mit Untaten befrachtet - so wenigstens sieht es der von Christina Hemauer (*1973) und Roman Keller (*1969) bestellte energetische Heiler, dessen Erkenntnissen man mittels Kopfhoerern folgen kann. Mit schwingender Stimme laesst er ueppige Feste im Helmhaus aufscheinen, teilt aber auch mit: "Hier wurden Maedchen und Frauen benutzt", um gleich darauf festzustellen: "Jetzt ist mir schlecht" - eine Aussage, die Kurator Daniel Morgenthaler auf die Einladungskarte setzte. Gut zu wissen jedenfalls, hat der Heiler den boesen Geistern nun den Weg nach draussen gezeigt, auf dass man mit Freude das heutige Ausstellungshaus betreten kann. Den auf einen Ort bezogenen, historischen oder mythischen Geschichten sind auch Goran Galic (*1977)/Gian Reto Gredig (*1976) und Gabriela Loeffel (*1972) auf der Spur, wobei hier vor allem Vermittlungs- und Inszenierungsweisen in den Blick ruecken. Galic/Gredig praesentieren sechs filmische Aufzeichnungen von Stadtfuehrungen, durch Berlin, Bern, Dublin, Mostar, Rom und Zuerich. Man sieht die jeweils fuehrenden Frauen oder Maenner, die gern von schrecklichen, aber auch von weniger traurigen Stadt-Geschichten und gern von Witzigem berichten. Die Gruppe folgt, und schwerlich laesst sich ersehen, ob die Beteiligten mit den haeufig sehr rudimentaeren Geschichtspartikeln etwas anfangen koennen oder ob bei derartigen Fuehrungen nicht auch andere Interessen im Vordergrund stehen, ob die Tourist/innen vielleicht auch einfach bestrebt sind, das Gefuehl des Fremdseins in einer unbekannten Stadt voruebergehend hinter sich zu lassen, indem sie sich in ein zuhoerendes, von einer einheimischen Autoritaet angefuehrtes Kollektiv einreihen. Von den Fuehrenden, die in der Wir-Form von sich und ihren Mit-Stadtbewohner/innen sprechen, "wir Roemer", "wir Berner", werden Haeuser oder Bruecken in Geschichten eingepackt, wodurch sie verankert und dem Nichts und der Belanglosigkeit entrissen werden - egal, auf welchem Fundament die vorgetragenen Geschichten jeweils beruhen.

"Bei unserer fortlaufenden Serie interessiert uns, ob Touristenguides den Blick freigeben auf eine Stadt oder ob sie diesen vielleicht auch versperren. Sind die gezeigten Objekte oder die fuehrende Person die Sehenswuerdigkeit? Wie arbeiten die Guides mit Klischees betreffend den vorgestellten Ort? Wie steht es um das Verhaeltnis zwischen historischer Exaktheit und episodenhaftem Entertainement?" Gian Reto Gredig und Goran Gali

Bis: 12.04.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Geschichte in Geschichten [13.02.15-12.04.15]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
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