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Fokus
4.2015


 Bereits zum vierten Mal fand in Bern das Projekt transform statt, das mit einem dichten Programm aufwartet und experimentellen künstlerischen Prozessen und transdisziplinären Herangehensweisen breiten Raum bietet. Ein Besuch vor Ort, frierend.


Performance im Blickfeld - PARK im Rahmen von transform


von: Irene Müller

  
PARK, im Rahmen von transform, Bern, 2015. Fotos: Michael Epp, Mario Marchisella


Um den Schauplatz zu finden, schlägt man ein paar Haken durch den Bahnhof, bis man schliesslich die Strasse am Bollwerk entlang des SBB-Gebäudes hinuntergeht. Fast alle geschosshohen Scheiben der langen Fassadenfront auf Strassenniveau sind milchig, so dass der Innenraum nur schemenhaft zu erkennen ist. Es ist der dritte Abend, an dem Clarissa Herbst, Mario Marchisella, Dominique Rust und Michael Wolf, die unter dem Namen PARK seit einigen Jahren Projekte im Bereich von Performance und Sound, Sprache und Improvisation entwickeln, anwesend sind und sich gemäss der Pressemitteilung dem «assoziativen Forschen und Surfen» widmen, mit spezifischem Fokus auf den «Knotenpunkt Bahnhof - diesen Ort des Reisens, des Abschieds, der Flüchtigkeit und Hektik der Pendlerströme».
Noch ist es hell und die auf die Scheiben projizierten Videos zeichnen sich nur undeutlich ab. Ein Fenster direkt neben dem Billettautomaten der Bushaltestelle bietet Einblick ins Innere: Stühle und Tisch, darauf Schreibmaschinen, an der Rückwand ein Vorhang aus weissen Typoskript-Blättern. Ein Mann setzt sich an den Tisch und sieht aus dem Fenster, gedankenverloren oder beobachtend? Auf mich reagiert er zumindest nicht. Ich wechsle auf die andere Strassenseite, um die ganze Situation aufnehmen zu können. Auf einer Scheibe erscheint nun ein Text, der stetig weitergeschrieben wird. Der vergewissernde Blick bestätigt: Eine zweite Person sitzt am Tisch und tippt, also ein «Live Feed». Mit zunehmender Dunkelheit sind die Projektionen deutlich zu erkennen, fahrende Züge in Farbe, einzelne Gesichter und Gruppenfotos in Schwarz-Weiss, plakative Slogans. Nach einer kurzen Aufwärmrunde stelle ich mich zur Bushaltestelle. Niemand wartet hier und auch die wenigen Passanten schenken dem Geschehen auf und hinter den Scheiben nur flüchtig ihre Aufmerksamkeit. Der Mann am Tisch winkt jetzt jedem abfahrenden Bus so lange zu, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden ist. In den Nebenräumen bewegen sich ständig die anderen Teammitglieder. Womit beschäftigt sich PARK überhaupt? Kann man die Denkprozesse der Gruppe sehen? Und welche Rolle spiele ich in dem Setting, draussen und schon wieder frierend? Inzwischen haben einige Projektionen gewechselt, auch der Text ist gewachsen. «Nach zwei Stunden stehe ich immer noch da, langsam etwas verzweifelt. [...] Du, ich glaub ich geh jetzt einfach. See you.» Etwas erfroren, doch durchaus zufrieden verlasse ich den Ort, nicht ohne nochmals zurückzuwinken.
Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich. irene.mueller1@gmx.ch


Bis: 27.03.2015


‹Performance im Blickfeld›, in jeder zweiten Ausgabe: ein Blick zurück, ein Blick voraus.



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Konstant in Auflösung (M. Baumgartner, A. Bless u.a.) [27.02.15-26.04.15]
Institutionen TRUDELHAUS Ausstellungsraum [Baden/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Link http://transform.bz/
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