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Fokus
4.2015


 Art Basel ist die Königin der Kunstmessen: weltweit Nr. 1 für moderne und zeitgenössische Kunst. Für die 46. Ausgabe vom Juni 2015 sind die Vorbereitungen fast abgeschlossen. Aber wie schon so oft zeigen sich einige Druckstellen, die vor allem die Teilnahme betreffen.


Art Basel - Grosser Andrang, umstrittene Transparenz


von: Peter Studer

  


Eine erste betrifft das Auswahlverfahren. Rund tausend Galerien reissen sich um Ausstellungskojen; höchstens etwa dreihundert Galerien aus über dreissig Ländern finden Platz. Für erfolgreiche Galerien machen die Umsätze an der Art Basel angeblich bis zu zwei Drittel des Jahresergebnisses aus.
Ein Ausstellungskomitee von sechs «regelmässig» teilnehmenden Gallerist/innen, die auch selbst ausstellen, «bestätigt» sich auf Jahresbasis selbst; die Mitglieder «rotieren in regelmässigen Abständen» - eine etwas vage Formulierung, weil sie sehr lange «Dienstzeiten» zulässt. Das Gremium entscheidet über die Teilnahme der Galerien und wendet dabei Kriterien hinsichtlich der Künstler/innenauswahl, des Standkonzepts und der Reputation an. Ähnlich sind die Abläufe an der rivalisierenden Art Cologne.
Umstritten ist der Tatbestand, dass das Auswahlgremium aus selbst ausstellenden Galerien besteht. In Basel kulminierte die Malaise 2011, als der Pionier der ostdeutschen Kunstszene, Eigen+Art-Leipzig, beim Komitee keine Gnade fand. Das Gerücht: Weil drei der damaligen sechs Juror/innen eine Galeriepräsenz in (West-) Berlin hatten. Eigen+Art ist in Basel wieder dabei. Aber Gerüchte spriessen gelegentlich wieder. Es gibt übrigens keine Erbansprüche. Auch langjährige Aussteller müssen sich jedes Jahr mit ausführlichen Dossiers neu bewerben.

Schweizer Galerien
Einen minimen Vorzug geniessen Basler Galerien, von denen jährlich etwa drei regelmässig auftreten. Für Zürcher oder Schweizer Galerien überhaupt gilt dieser Startvorteil bereits nicht mehr. Die abnehmende Zahl von Schweizer Galerien - es sind nur rund zwanzig - sorgt hierzulande für Missmut: Die Schweizer Kandidat/innen halten dafür, dass die «Swissness» des wichtigen Kunstmarktlands das Renommee mitspeist. Man bekommt auch zu hören, Kunsthändler/innen, genährt durch die Preisexplosion im Bereich der Gegenwartskunst, würden Galerien mit ihrer sorgfältigen Künstler/innenpflege vertreiben.
Im jetzigen Auswahlkomitee sitzen zwei Schweizer, der Genfer Galerist und Kunsthändler Marc Blondeau (in einer «Spiegel»-Recherche als Zwischenvermittler im Verkauf der Beltracchi-Kunstfälscher genannt, aber nicht beschuldigt) und die scharfzüngige Österreich-Schweizerin Eva Presenhuber aus Zürich. Neben ihnen zwei langjährige Berliner, ein Italiener und eine Amerikanerin.
Das Ausstellungskomitee widmet sich während der Art Basel morgendlichen Standbegehungen und spricht auch Warnungen aus bei Präsentationen, die es für unbefriedigend hält. (Bei Art Cologne machen Museumsleute die Standbegehungen und formulieren Empfehlungen für das Folgejahr).

Wiedererwägungsgesuche
Wer es nicht in den Kreis der Aussteller/innen schaffte oder «ausgebootet» wurde, kann appellieren. Den Grund der Nichtberücksichtigung erfährt er nicht oder nur hintenherum. Die rivalisierende Art Cologne brockte sich zahlreiche Prozesse wegen Persönlichkeitsverletzung oder unlauteren Wettbewerbs ein, weil sie jeweils schwer justiziable Gründe wie «mangelnde Innovationskraft» oder «einfallslose Präsenta­tion» angab. In Basel heisst es bloss: Übergrosse Anzahl Kandidat/innen, leider für Sie diesmal keine Berücksichtigung.
Der Appellation Board besteht aus zwei im Galeriebetrieb nicht involvierten Kunstverständigen - deren Rotation sehr detailliert geregelt ist - und einem Basler Anwalt als Obmann. Ihnen gegenüber wird der Schleier etwas gelüftet; die Direktion referiert vertraulich über die Ablehnungsgründe; aber der einzige Aufhebungsgrund eines Auswahlverdikts durch die Appellations-Instanz heisst «Willkür». Über den Begriff sind ganze Bücher geschrieben worden; Jurist/innen fällt es offenbar schwer, ihn auszusprechen. Der Appellation Board geht auf Anregungen der Wettbewerbskommission und des Bundesgerichts (1998/2000) zurück. Klagen von «Refusés» wegen unlauteren Wettbewerbs (vgl. oben, Art Cologne) wurden deshalb abgewiesen. Die protestierenden Refusés können noch hoffen, auf einer Warteliste mit «high» oder «low priority» Einlass zu finden, was nur ganz wenigen gelingt.
Der Jurist schreibt über Medien- und Kunstrecht und war eine Zeitlang Mitglied des Appellation Board



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Ausgabe 4  2015
Autor/in Peter Studer
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