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Ansichten
4.2015


 Swetlana Karapitian in ihrem Wohnzimmer, mit den Porträts ihrer vermissten Söhne an der Wand. Eine Fotografie aus Meinrad Schades Langzeitprojekt ‹Vor, neben und nach dem Krieg - Spurensuche an den Rändern der Konflikte› in der Sammlung der Freunde der Fotostiftung Schweiz, Winterthur.


Ansichten — Die Zukunft muss warten


  
Meinrad Schade ·Mardakert, international nicht anerkannte Republik Nagorny-Karabach, 2011


Meinrad Schade begegnete Swetlana Karapitian in ihrem Haus in der selbsternannten Republik Nagorny-Karabach, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion in einem vierjährigen Krieg (1991-94) von Aserbaidschan losgelöst hatte. Ihre beiden Söhne, die damals in einer Partisanengruppe kämpften, gelten seit 1992 als vermisst. Als die Mutter davon erfuhr, waren ihre Beine plötzlich gelähmt. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl vor dem leeren Sofa. Selbstbewusst, aber auch irritiert und verängstigt schaut sie in Richtung Kamera. Das geometrische Muster ihrer Strickjacke verschmilzt auf ­eigenartige Weise mit dem Blumenmuster des Sofas. Die Porträts der beiden Söhne im Hintergrund wirken wie langsam verblassende Nachbilder ihrer Erinnerung. Auch sie scheinen mit den Mustern im Vordergrund zu korrespondieren: ein symmetrisches, flächenhaftes Spiel aus hellen und dunklen Rhomben und Kreisen, Gespenster der Vergangenheit. Das Bild strahlt eine ähnlich erstarrte Ruhe und Konzentration aus wie die Porträts aus der Anfangszeit der Fotografie, als man sich von Wander­fotografen vor aufgespannten weissen Leintüchern aufnehmen liess. Doch hier blendet der Hintergrund die Realität nicht aus, sondern macht sie auf beklemmende Art spürbar.
Seit über zehn Jahren arbeitet Meinrad Schade (*1968) an seinem Projekt. Er bereiste Russland und verschiedene postsowjetische Staaten, um sich in fotografischen Essays mit ehemaligen, noch schwelenden und vielleicht wieder ausbrechenden Konflikten zu befassen. Dabei konzentriert er sich auf Nebenschauplätze, auf Orte, die von den Medien übergangen oder wieder vergessen wurden. Mit einer Mischung von Landschafts- und Strassenaufnahmen, Stillleben sowie Porträts entwirft er ein beunruhigendes Bild eines labilen existenziellen Zustands zwischen Krieg und Frieden, Katastrophe und Normalität. Die im Südkaukasus gelegene selbsternannte Republik Nagorny-Karabach, in der Schades Bild entstanden ist, wurde gewaltsam «befreit» - mit ethnischen Säuberungen, Tausenden von Toten und gewaltigen Flüchtlingsströmen als Folge. Heute ist das Land verarmt und isoliert. Es wird von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt und ist nur dank seiner Schutzmacht Armenien lebensfähig. So ist auch die im Rollstuhl sitzende S. Karapatian vom Wohlwollen - und der Willkür - anderer abhängig und gleichzeitig ihrem eigenen Schicksal ausgeliefert. Die Bremse des Rollstuhls ist zwar gelöst, doch nichts bewegt sich.
Martin Gasser ist Konservator der Fotostiftung Schweiz, Winterthur


Bis: 17.05.2015


mit Publikation bei Scheid­egger & Spiess, Zürich



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Meinrad Schade [07.03.15-17.05.15]
Institutionen Fotostiftung Schweiz [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Martin Gasser
Künstler/in Meinrad Schade
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